| Scene 1 | 00:00 | |
| Scene 2 | Siegfried: Hoiho! Hagen! | 12:39 |
| Scene 3 | Hagen: Hoiho! Hoihohoho! | 18:56 |
| Scene 4 | Die Mannen: Heil dir, Gunther! | 27:36 |
| Scene 5 | Brünnhilde: Welches Unhold's List | 49:11 |
Uferraum vor der Halle der Gibichungen: rechts der offene Eingang zur
Halle; links das Rheinufer; von diesem aus erhebt sich eine durch verschiedene
Bergpfade gespaltene, felsige Anhöhe, quer über die Bühne, nach
rechts dem Hintergrunde zu aufsteigend. Dort sieht man einen der Fricka
errichteten Weihstein, welchem, höher hinauf ein grösserer für
Wotan, sowie seitwärts ein gleicher dem Donner geweihter entspricht. Es ist
Nacht. (Hagen, den Speer im Arm, den Schild zur Seite, sitz schlafend an
einen Pfosten der Halle gelehnt. Der Mond wird plötzlich ein grelles Licht
auf ihn und seine nächste Umgebung: man gewahrt Alberich vor Hagen kauernd,
die Arme auf dessen Knie gelehnt)
ALBERICH
Schläfst du, Hagen, mein Sohn?
Du schläfst und hörst
mich nicht,
den Ruh' und Schlaf verriet?
HAGEN (leise, ohne sich zu rühren, so dass er immerfort zu
schlafen scheint, obwohl er die Augen offen hat)
Ich höre dich, schlimmer Albe:
was hast du meinem Schlaf zu sagen?
ALBERICH
Gemahnt sei der Macht,
der du gebietest,
bist du so mutig,
wie die Mutter dich mir gebar!
HAGEN (immer wie zuvor).
Gab mir die Mutter Mut,
nicht
mag ich ihr doch danken,
dass deiner List sie erlag:
frühalt,
fahl und bleich,
hass' ich die Frohen, freue mich nie!
ALBERICH (wie zuvor)
Hagen, mein Sohn!
Hasse die Frohen!
Mich Lustfreien,
Leidbelasteten
liebst du so, wie du sollst!
Bist du kräftig
kühn und klug;
die wir bekämpfen
mit nächtigem Krieg,
schon gibt ihnen Not unser Neid.
Der einst den Ring mir entriss,
Wotan, der wütende Räuber,
vom eignen Geschlechte
ward er
geschlagen:
an den Wälsung verlor er
Macht und Gewalt;
mit
der Götter ganzer Sippe
in Angst ersieht er sein Ende.
Nicht ihn
fürcht' ich mehr:
fallen muss er mit ermit allen! -
Schläfst
du Hagen, mein Sohn?
HAGEN (bleibt unverändert wie zuvor)
Der Ewigen Macht,
wer erbte sie?
ALBERICH
Ich - und du!
Wir erben die Welt,
trüg' ich mich nicht
in deiner Treu',
teilst du meinen Gram und Grimm.
Wotan's Speer
zerspellte der Wälsung,
der Fafner, den Wurm,
im Kampfe gefällt
und kindisch den Reif sich errang;
jede Gewalt
hat er gewonnen;
Walhall und Nibelheim
neigen sich ihm.
(immer heimlich)
An dem furchtlosen Helden
erlahmt selbst mein Fluch:
denn nicht
kennt er
des Ringes Wert,
zu nichts nützt er
die neidlichste
Macht.
Lachend in liebender Brunst,
brennt er lebend dahin
Ihn zu
verderben,
taugt uns nun einzig!
Schläf'st du, Hagen, mein Sohn?
HAGEN (wie zuvor)
Zu seinem Verderben
dient er mir schon.
ALBERICH
Den goldnen Ring,
den Reif gilt's zu erringen!
Ein weises Weib
lebt dem Wälsung zu Lieb':
riet es ihm je
des Rheines Töchtern,
die in Wasser's Tiefen
einst mich betört! -
zurückzugeben
den Ring:
verloren ging mir das Gold,
keine List errangte es je.
Drum, ohne Zögern
ziel auf den Reif!
Dich Zaglosen
zeugt'
ich mir ja,
dass wider Helden
hart du mir hieltest.
Zwar - stark
nicht genug,
den Wurm zu besteh'n,
- was allein dem Wälsung bestimmt -
zu zähem Hass' doch
erzog ich Hagen,
der soll mich nun rächen,
den Ring gewinnen,
dem Wälsung und Wotan zum Hohn!
Schwörst
du mir's, Hagen, mein Sohn?
(Von hier an bedeckt ein immer finsterer werdender Schatten wieder Alberich.
Zugleich beginnt das erste Tagesgrauen)
HAGEN (immer wie zuvor)
Den Ring soll ich haben:
harre in Ruh'!
ALBERICH
Schwörst du mir's, Hagen, mein Held?
HAGEN
Mir selbst schwör' ich's;
schweige die Sorge!
ALBERICH (wie er allmählich immer mehr dem Blicke entschwindet,
wird auch seine Stimme immer unvernehmbarer)
Sei treu, Hagen, mein Sohn!
Trauter Helde! - Sei treu!
Sei treu! -
Treu!
(Alberich ist gänzlich verschwunden. Hagen, der unverändert in
seiner Stellung verblieben, blickt regungslos und starren Auges nach dem Rheine
hin, auf welchem sich die Morgendämmerung ausbreitet)
(Der Rhein färbt sich immer stärker vom erglühenden
Morgenrot. Hagen macht eine zuckende Bewegung. Siegfried tritt plötzlich,
dicht am Ufer, hinter einem Büsche hervor. Er ist in seiner eignen Gestalt;
nur den Tarnhelm hat er noch auf dem Haupte: er zieht ihn jetzt ab und hängt
ihn, während er hervorschreitet, in den Gürtel)
SIEGFRIED
Hoiho! Hagen!
Müder Mann!
Siehst du mich
kommen?
HAGEN (gemächlich sich erhebend)
Hei! Siegfried?
Geschwinder Helde!
Wo brausest du her?
SIEGFRIED
Vom Brünnhildenstein!
Dort sog ich den Atem ein,
mit dem ich
dich rief:
so schnell war meine Fahrt!
Langsamer folgt mir ein Paar:
zu Schiff gelangt das her!
HAGEN
So zwangst du Brünnhild'?
SIEGFRIED
Wacht Gutrune?
HAGEN (in die Halle rufend)
Hoiho! Gutrune!
Komm' heraus!
Siegfried ist da:
was säumst
du drin?
SIEGFRIED (zur Halle sich wendend)
Euch beiden meld' ich,
wie ich Brünnhild' band.
(Gutrune tritt ihm aus der Halle entgegen)
SIEGFRIED
Heiss' mich willkommen,
Gibichskind!
Ein guter Bote bin ich dir.
GUTRUNE
Freia grüsse dich
zu aller Frauen Ehre!
SIEGFRIED
Frei und hold
sei nun mir Frohen:
zum Weib gewann ich dich heut'.
GUTRUNE
So folgt Brünnhild' meinem Bruder?
SIEGFRIED
Leicht ward die Frau ihm gefreit.
GUTRUNE
Sengte das Feuer ihn nicht?
SIEGFRIED
Ihn hätt' es auch nicht versehrt,
doch ich durchschritt es für
ihn,
da dich ich wollt' erwerben.
GUTRUNE
Doch dich hat es verschont?
SIEGFRIED
Mich freute die schwebende Brunst.
GUTRUNE
Hielt Brünnhild' dich für Gunther?
SIEGFRIED
lhm glich ich auf ein Haar:
der Tarnhelm wirkte das,
wie Hagen tüchtig
es wies.
HAGEN
Dir gab ich guten Rat.
GUTRUNE
So zwangst du das kühne Weib?
SIEGFRIED
Sie wich - Gunthers Kraft.
GUTRUNE
Und vermählte sie sich dir?
SIEGFRIED
Ihrem Mann gehorchte Brünnhild'
eine volle bräutliche Nacht.
GUTRUNE
Als ihr Mann doch galtest du?
SIEGFRIED
Bei Gutrune weilte Siegfried.
GUTRUNE
Doch zur Seite war ihm Brünnhild'?
SIEGFRIED (auf sein Schwert deutend)
Zwischen Ost und West der Nord:
so nah - war Brünnhild' ihm fern.
GUTRUNE
Wie empfing Gunther sie nun von dir?
SIEGFRIED
Durch des Feuer's verlöschende Lohe,
im Frühnebel vom Felsen
folgte sie mir zu Tal;
dem Strande nah',
flugs die Stelle
tauschte Gunther mit mir:
durch des Geschmeides Tugend
wünscht'
ich mich schnell hieher.
Ein starker Wind nun treibt
die Trauten den
Rhein herauf:
drum rüstet jetzt den Empfang!
GUTRUNE
Siegfried, mächtigster Mann!
Wie fasst mich Furcht vor dir!
HAGEN (von der Höhe im Hintergrunde den Fluss hinabspähend)
In der Ferne seh' ich ein Segel.
SIEGFRIED
So sagt dem Boten Dank!
GUTRUNE
Lasset uns sie hold empfangen,
dass heiter sie und gern hier weile!
Du, Hagen, minnig
rufe die Mannen
nach Gibichs Hof zur Hochzeit!
Frohe Frauen ruf' ich zum Fest:
der Freudigen folgen sie gern.
(Nach der Halle schreitend, wendet sich wieder um)
Rastest du, schlimmer Held?
SIEGFRIED
Dir zu helfen, ruh' ich aus.
(Er reicht ihr die Hand und geht mit ihr in die Halle)
HAGEN (hat einen Felsstein in der Höhe des Hintergrundes
erstiegen; dort sitzt er, der Landseite zugewendet, sein Stierhorn zum Blasen
an)
Hoiho! Hoihohoho!
Ihr Gibichsmannen,
machet euch auf!
Wehe!
Wehe!
Waffen! Waffen!
Waffen durchs Land!
Gute Waffen!
Starke Waffen! Scharf zum Streit.
Not ist da!
Not! Wehe! Wehe!
Hoiho! Hoihohoho!
(Hagen bleibt immer in seiner Stellung auf der Anhöhe. Er bläst
abermals. Aus verschiedenen Gegenden vom Lande her antworten Heerhörner.
Auf den verschiedenen Höhenpfaden stürmen in Hast und Eile gewaffnete
Mannen herbei, erst einzelne, dann immer mehrere zusammen, welche sich dann auf
dem Uferraum vor der Halle anhäufen)
DIE MANNEN
Was tos't das Horn?
Was ruft es zu Heer?
Wir kommen mit Wehr,
Wir kommen mit Waffen!
Hagen! Hagen!
Hoiho! Hoiho!
Welche Not ist
da?
Welcher Feind ist nah?
Wer gibt uns Streit?
Ist Gunther in
Not?
Wir kommen mit Waffen,
mit scharfer Wehr.
Hoiho! Ho! Hagen!
HAGEN (immer von den Anhöhe herab)
Rüstet euch wohl
und rastet nicht;
Gunther sollt ihr empfahn:
ein Weib hat der gefreit.
DIE MANNEN
Drohet ihm Not?
Drängt ihn der Feind?
HAGEN
Ein freisliches Weib
führet er heim.
DIE MANNEN
Ihm folgen der Magen
feindliche Mannen?
HAGEN
Einsam fährt er:
keiner folgt.
DIE MANNEN
So bestand er die Not?
So bestand er den Kampf?
Sag' es an!
HAGEN
Der Wurmtöter
wehrte der Not:
Siegfried, der Held,
der
schuf ihm Heil!
DIE MANNEN
Was soll ihm das Heer nun noch helfen?
HAGEN
Starke Stiere
sollt ihr schlachten;
am Weihstein fliesse
Wotan ihr Blut!
DIE MANNEN
Was, Hagen, was heissest du uns dann?
HAGEN
Einen Eber fällen,
sollt ihr für Froh;
einen stämmigen
Bock
stechen für Donner;
Schafe aber schlachtet für Fricka,
dass gute Ehe sie gebe!
DIE MANNEN (mit immer mehr ausbrechender Heiterkeit)
Schlugen wir Tiere,
was schaffen wir dann?
HAGEN
Das Trinkhorn nehmt,
von trauten Frau'n
mit Met und Wein
wonnig gefüllt!
DIE MANNEN
Das Trinkhorn zur Hand,
wie halten wir es dann?
HAGEN
Rüstig gezecht,
bis - der Rausch euch zähmt:
Alles den Göttern
zu Ehren,
dass gute Ehe sie geben!
DIE MANNEN (brechen in ein schallendes Gelächter aus)
Gross Glück und Heil
lacht nun dem Rhein,
da Hagen, der
Grimme,
so lustig mag sein!
Der Hagedorn
sticht nun nicht mehr;
zum Hochzeitrufer,
ward er bestellt.
HAGEN (der immer sehr ernst geblieben, und steht jetzt unter ihnen)
Nun lasst das Lachen,
Mut'ge Mannen!
Empfangt Gunthers Braut!
Brünnhilde nah't dort mit ihm.
(Er deutet die Mannen nach dem Rhein hin: diese eilen zum Teil nach der Anhöhe,
während andere sich am Ufer aufstellen, um die ankommenden zu erblicken)
(näher zu einigen Mannen tretend)
Hold seid der Herrin,
helfet ihr treu:
traf sie ein Leid,
rasch seid zur Rache!
(Er wendet sich langsam zur Seite, in der Hintergrund)
(Während
des Folgenden kommt der Nachen mit Gunther und Brünnhilde)
DIE MANNEN (die jenigen, welche von der Höhe ausgeblickt
hatten, kommen zum Ufer herab)
Heil! Heil!
Willkommen! Willkommen!
(Einige der Mannen springen in den Fluss und ziehen den Kahn an das Land.
Alles drängt sich immer dichter an das Ufer)
Willkommen, Gunther
Heil! Heil!
(Gunther steigt mit Brünnhilde aus dem Kahne; die Mannen reihen
sich ehrerbietig zu ihren Empfange. Während des Folgenden geleitet Gunther
Brünnhilde feierlich an der Hand)
DIE MANNEN
Heil dir, Gunther!
Heil dir und deiner Braut!
Willkommen!
(Sie schlagen die Waffen tosend zusammen)
GUNTHER (Brünnhilde, welche bleich und gesenkten Blickes
ihm folgt, den Mannen vorstellend)
Brünnhild', die hehrste Frau,
bring' ich euch her zum Rhein.
Ein edleres Weib
ward nie gewonnen.
Der Gibichungen Geschlecht,
gaben die Götter ihm Gunst;
zum höchsten Ruhm rag' es nun auf!
DIE MANNEN (feierlich an ihre Waffen schlagend)
Heil! Heil dir,
glücklicher Gibichung!
(Gunther geleitet Brünnhilde, die nie aufblickt, zur Halle, aus welcher
jetzt Siegfried und Gutrune, von Frauen begleitet, heraustreten)
GUNTHER (hält vor der Halle an)
Gegrüsst sei, teurer Held;
gegrüsst, holde Schwester!
Dich seh' ich froh ihm zur Seite,
der dich zum Weib gewann.
Zwei
sel'ge Paare
seh ich hier prangen:
(Er führt Brünnhilde näher heran)
Brünnhild' und Gunther,
Gutrun' und Siegfried!
(Brünnhilde schlägt erschreckt die Augen auf und erblickt
Siegfried; wie in Erstaunen bleibt ihr, blickt auf ihn gerichtet. Gunther,
welcher Brünnhildes heftig zuckende Hand losgelassen hat, sowie alle übrigen
zeigen starre Betrogenheit über Brünnhildes Benehmen)
MANNEN Was ist ihr?
Ist sie entrückt?
(Brünnhilde beginnt zu zittern)
SIEGFRIED (Geht ruhig einige Schritte auf Brünnhilde zu)
Was müht Brünnhilde's Blick?
BRÜNNHILDE (kaum ihrer mächtig)
Siegfried... hier...! Gutrune...?
SIEGFRIED
Gunther's milde Schwester:
mir vermählt,
wie Gunther du.
BRÜNNHILDE (furchtbar heftig)
Ich.... Gunther... ? Du lügst!
(Sie schwankt und droht umzusinken: Siegfried, ihr zunächst, stürzt
sie)
Mir schwindet das Licht ....
(Sie blickt in seinen Armen matt zu Siegfried auf)
Siegfried - kennt mich nicht!
SIEGFRIED
Gunther, deinem Weib ist übel!
(Gunther tritt hinzu)
Erwache, Frau!
Hier steht dein Gatte!
BRÜNNHILDE (erblickt am ausgestreckten Finger Siegfrieds und
schrickt mit furchtbarer Heftigkeit auf)
Ha! - Der Ring -
an seiner Hand!
Er -? Siegfried?
MANNEN Was ist?
HAGEN (aus dem Hintergrunde unter die Mannen tretend)
Jetzt merket klug,
was die Frau euch klagt!
BRÜNNHILDE (sucht sich zu ermannen, indem sie die
schrecklichste Aufregung gewaltsam zurückhält)
Einen Ring sah ich
an deiner Hand, -
nicht dir gehört er,
ihn entriss mir
(auf Gunther deutend)
- dieser Mann!
Wie mochtest von ihm
den Ring du empfahn?
SIEGFRIED (aufmerksam den Ring an seiner Hand betrachtend)
Den Ring empfing ich
nicht von ihm.
BRÜNNHILDE (zu Gunther)
Nahmst du von mir den Ring,
durch den ich dir vermählt;
so
melde ihm dein Recht,
fordre zurück das Pfand!
GUNTHER (in grosse Verwirrung)
Den Ring? Ich gab ihm keinen:
doch - kennst du ihn auch gut?
BRÜNNHILDE
Wotan bärgest du den Ring,
den du von mir erbeutet?
(Gunther schweigt in höchster Betroffenheit)
BRÜNNHILDE (wütend auffahrend)
Ha! - Dieser
war es,
der mir den Ring entriss:
Siegfried, der trugvolle Dieb!
(Alles blickt erwartungsvoll auf Siegfried, welcher über der
Betrachtung des Ringes in fernes Sinne entrückt ist)
SIEGFRIED
Von keinem Weib
kam mir der Reif;
noch war's ein Weib,
dem
ich ihn abgewann:
genau erkenn' ich
des Kampfes Lohn.
den vor
Neidhöhl'
einst ich beständ,
als den starken Wurm ich
erschlug.
HAGEN (zwischen sie tretend)
Brünnhild', kühne Frau!
kennst du genau den Ring?
Ist's
der, den du Gunther'n gabst,
so ist er sein, -
und Siegfried gewann
ihn durch Trug,
den der Treulose büssen sollt'!
BRÜNNHILDE (in furchtbarstem Schmerze aufschreiend)
Betrug! Betrug!
Schändlichster Betrug!
Verrat! Verrat! -
wie noch nie er gerächt!
GUTRUNE
Verrat? An wem?
MANNEN und FRAUEN
Verrat? An Wem?
BRÜNNHILDE
Heil'ge Götter!
himmlische Lenker!
Rauntet ihr dies
in
eurem Rat?
Lehrt ihr mich Leiden,
wie keiner sie litt?
Schuft
ihr mir Schmach,
wie nie sie geschmerzt?
Ratet nun Rache,
wie nie
sie geras't!
Zündet mir Zorn,
wie noch nie er gezähmt!
Heisset Brünnhild',
ihr Herz zu zerbrechen,
den zu zertrümmern,
der sie betrog!
GUNTHER
Brünnhild', Gemahlin!
Mäss'ge dich!
BRÜNNHILDE
Weich' fern, Verräter!
Selbst Verrat'ner -
Wisset denn alle:
nicht ihm,
dem Manne dort
bin ich vermählt.
MANNEN und FRAUEN
Siegfried? Gutrun's Gemahl?
BRÜNNHILDE
Er zwang mir Lust
und Liebe ab.
SIEGFRIED
Achtest du so
der eig'nen Ehre?
Die Zunge, die sie lästert,
muss ich der Lüge sie zeihen?
Hört, ob ich Treue brach!
Blutbrüderschaft
hab' ich Gunther geschworen:
Notung, das werte
Schwert,
wahrte der Treue Eid;
mich trennte seine Schärfe
von diesem traur'gen Weib.
BRÜNNHILDE
Du listiger Held,
sieh', wie du lüg'st!
wie auf dein Schwert
du schlecht dich berufst!
Wohl kenn' ich seine Schärfe,
doch
kenn' auch die Scheide,
darin so wonnig ruht' an der Wand
Notung, der
treue Freund,
als die Traute sein Herr sich gefreit.
DIE MANNEN und FRAUEN (in lebhafter Entrüstung
zusammentretend)
Wie? Brach er die Treue?
Trübte er Gunthers Ehre?
GUNTHER (zu Siegfried)
Geschändet wär' ich,
schmählich bewahrt,
gäbst
du die Rede
nicht ihr zurück!
GUTRUNE
Treulos, Siegfried,
sannest du Trug?
Bezeuge, dass jene
falsch dich zeih't!
DIE MANNEN
Reinige dich,
bist du im Recht!
Schweige die Klage!
Schwöre
den Eid!
SIEGFRIED
Schweig' ich die Klage,
schwör' ich den Eid:
wer von euch
wagt
seine Waffe daran?
HAGEN
Meines Speeres Spitze
wag' ich daran:
sie wahr' in Ehren den Eid.
(Die Mannen schliessen einen Ring um Siegfried und Hagen hält den Speer
hin; Siegfried legt zwei Finger seiner rechten Hand auf die Speerspitze)
SIEGFRIED
Helle Wehr!
Heilige Waffe!
Hilf meinem ewigen Eide!
Bei des
Speeres Spitze
sprech' ich den Eid:
Spitze, achte des Spruchs!
Wo
Scharfes mich schneidet,
schneide du mich;
wo der Tod mich soll
treffen.
treffe du mich:
klagte das Weib dort wahr,
brach ich dem
Bruder den Eid!
BRÜNNHILDE (tritt wütend in den Ring, reisst Siegfrieds
Hand vom Speere hinweg und fasst dafür mit der ihrigen die Spitze)
Helle Wehr!
Heilige Waffe!
Hilf meinem ewigen Eide!
Bei des
Speeres Spitze
sprech' ich den Eid:
Spitze, achte des Spruch's!
Ich weihe deine Wucht,
dass sie ihn werfe!
Deine Schärfe segne
ich,
dass sie ihn schneide:
denn, brach seine Eide er all',
schwur Meineid jetzt dieser Mann!
DIE MANNEN (im höchsten Aufruhr)
Hilf, Donner!
Tose dein Wetter,
zu schweigen die wütende
Schmach!
SIEGFRIED
Gunther! Wehr' deinem Weibe
das schamlos Schande dir lügt!
Gönn't
ihr Weil' und Ruh',
der wilden Felsenfrau,
dass ihre freche Wut sich
lege,
die eines Unholds
arge List
wider uns alle erregt!
Ihr
Mannen, kehret euch ab!
lasst das Weibergekeif!
Als Zage weichen wir
gern,
gilt es mit Zungen dem Streit.
(Er tritt dicht zu Gunther)
Glaub', mehr zürnt es mich als dich,
dass schlecht ich sie getäuscht
der Tarnhelm, dünkt mich fast,
hat halb mich nur gehehlt.
Doch
Frauengroll
friedet sich bald:
dass ich dir es gewann,
dankt dir
gewiss noch das Weib.
(Er wendet sich wieder zu den Mannen)
Munter, ihr Mannen!
Folgt mir zum Mahl!
(zu den Frauen)
Froh zur Hochzeit,
helfet, ihr Frauen!
Wonnige Lust
lache nun
auf!
In Hof und Hain,
heiter vor allen
sollt ihr heute mich sehn.
Wen die Minne freut
meinem frohen Mute
tu' es der Glückliche
gleich!
(Er schlingt in ausgelassenem Übermute seinen Arm um Gutrune und zieht
sie mit sich in die Halle fort. Die Mannen und Frauen, von seinem Beispiele
hingerissen, folgen ihm nach). (Die Bühne ist leer geworden. Nur Brünnhilde,
Gunther und Hagen bleiben zurück. Gunther hat sich in tiefer Scham und
furchtbarer Verstimmung, mit verhülltem Gesichte abseits niedergesetzt. Brünnhilde
im Vordergrunde stehend, blickt Siegfried und Gutrune noch eine Zeitlang
schmerzlich nach und senkt dann das Haupt.)
BRÜNNHILDE
(in starrem Nachsinnen belangen)
Welches Unhold's List
liegt hier verhohlen?
Welches Zaubrer's Rat
regte dies auf?
Wo ist nun mein Wissen
gegen dies Wirrsal?
Wo
sind meine Runen
gegen dies Rätsel?
Ach Jammer! Jammer!
Weh', ach Wehe!
All' mein Wissen
wies ich ihm zu!
In seiner Macht
hält er die Magd;
in seinen Banden
fasst er die Beute,
die,
jammernd ob ihrer Schmach,
jauchzend der Reiche verschenkt!
Wer bietet
mir nun das Schwert,
mit dem ich die Bande zerschnitt?
HAGEN (dicht an sie auf antretend)
Vertraue mir,
betrog'ne Frau!
Wer dich verriet,
das räche
ich.
BRÜNNHILDE (matt sich umblickend)
An wem?
HAGEN
An Siegfried, der dich betrog.
BRÜNNHILDE
An Siegfried?... du?
(bitter lächelnd)
Ein einz'ger Blick
seines blitzenden Auges,
- das selbst durch die
Lügengestalt
leuchtend strahlte zu mir -
deinen besten Mut
machte er bangen!
HAGEN
Doch meinem Speere
spart ihn sein Meineid?
BRÜNNHILDE
Eid - und Meineid -
Müssige Acht!
Nach Stärk'rem späh',
deinen Speer zu waffnen,
willst du den Stärksten, bestehn!
HAGEN
Wohl kenn' ich Siegfrieds
siegende Kraft,
wie schwer im Karnpf er
zu fällen;
drum raune nun
du mir klugen Rat,
wie doch der
Recke mir wich?
BRÜNNHILDE
O Undank, schändlichster Lohn!
Nicht eine Kunst
war mir
bekannt,
die zum Heil nicht half seinem Leib!
Unwissend zähmt'
ihn
mein Zauberspiel, -
das ihn vor Wunden nun gewahrt.
HAGEN
So kann keine Wehr ihm schaden?
BRÜNNHILDE
Im Kampfe nicht -; doch -
träfst du im Rücken ihn....
Niemals - das wusst' ich -
wich' er dem Feind,
nie reicht er fliehend
ihm den Rücken:
an ihm d'rum spart' ich den Segen.
HAGEN
Und dort trifft ihn mein Speer! -
(Er wendet sich rasch von Brünnhilde ab zu Gunther)
Auf, Gunther,
edler Gibichung!
Hier steht dein starkes Weib:
was hängst du dort in Harm?
GUNTHER (leidenschaftlich)
O Schmach!
O Schande!
Wehe mir,
dem jammervollsten Manne!
HAGEN
In Schande lieg'st du;
läugn' ich das?
BRÜNNHILDE (zu Gunther)
O feiger Mann!
falscher Genoss!
Hinter dem Helden
hehltest du
dich,
dass Preise des Ruhmes
er dir erränge!
Tief wohl sank
das teure Geschlecht,
das solche Zagen gezeugt!
GUNTHER (ausser sich)
Betrüger ich - und betrogen!
Verräter ich - und verraten!
Zermalmt mir das Mark!
Zerbrecht mir die Brust!
Hilf, Hagen!
Hilf meiner Ehre!
Hilf deiner Mutter,
die mich - auch, ja gebar!
HAGEN
Dir hilft kein Hirn,
dir hilft keine Hand:
dir hilft nur -
Siegfrieds Tod!
GUNTHER (von Grausen erfasst)
Siegfrieds Tod!
HAGEN
Nur er sühnt deine Schmach!
GUNTHER (vor sich hinstarrend)
Blutbrüderschaft
schwuren wir uns!
HAGEN
Des Bundes Bruch
sühne nun Blut!
GUNTHER
Brach er den Bund?
HAGEN
Da er dich verriet!
GUNTHER
Verriet er mich?
BRÜNNHILDE
Dich verriet er,
und mich verrietet ihr alle!
Wär' ich
gerecht,
alles Blut der Welt
büsste mir nicht eure Schuld!
Doch des Einen Tod
taugt mir für alle:
Siegfried falle -
zur
Sühne für sich und euch!
HAGEN (heimlich zu Gunther)
Er falle - dir zum Heil!
Ungeheu're Macht wird dir,
gewinn'st von
ihm du den Ring,
den der Tod ihm wohl nur entreiss't.
GUNTHER (leise)
Brünnhilde's Ring?
HAGEN
Des Nibelungen Reif.
GUNTHER (schwer seufzend)
So wär' es Siegfried Ende!
HAGEN
Uns allen frommt sein Tod.
GUNTHER
Doch Gutrune, ach!
der ich ihn gönnte!
Straften den Gatten
wir,
wie bestünden wir vor ihr?
BRÜNNHILDE (wild auffahrend)
Was riet mir mein Wissen?
was wiesen mich Runen?
Im hilflosen
Elend
ahnet mir's hell:
Gutrune heisst der Zauber,
der den Gatten
mir entzück!
Angst treffe sie!
HAGEN (zu Gunther)
Muss sein Tod sie betrüben,
verhehlt sei ihr die Tat.
Auf
munt'res Jagen
ziehen wir morgen:
der Edle braust uns vorn:
ein
Eber bracht' ihn da um.
GUNTHER und BRÜNNHILDE
So soll es sein!
Siegfried falle!
Sühn' er die Schmach,
die er mir schuf!
Des Eides Treue
hat er getrogen:
mit seinem
Blut
büss' er die Schuld!
Allrauner!
rächender Gott!
Schwurwissender
Eideshort!
Wotan!
Wende dich her!
Weise die
schrecklich
heilige Schaar,
hieher zu horchen
dem Racheschwur!
HAGEN
Sterb' er dahin,
der strahlende Held!
Mein ist der Hort,
mir
muss er gehören:
d'rum sei der Reif
ihm entrissen.
Alben-Vater,
gefallner Fürst!
Nachthüter!
Niblungenherr!
Alberich!
achte auf mich!
Weise von neuem
der
Niblungen Schar,
dir zu gehorchen,
des Reifes Herrn!
(Als Gunther mit Brünnhilde heftig der Halle sich zuwendet, tritt ihnen
der von dort heraustretende Brautzug entgegen. Knaben und Mädchen, Blumenstäbe
schwingend, springen lustig voraus. Siegfried wird auf einem Schilde, Gutrune
auf einem Sessel von den Männern getragen. Auf der Anhöhe des
Hintergrundes führen Knechte und Mägde auf verschiedenen Bergpfaden
Opfergeräte und Opfertiere zu den Weihsteinen herbei und schmücken
diese mit Blumen. Siegfried und die Mannen blassen auf ihren Hörnern den
Hochzeitsruf. Die Frauen fordern Brünnhilde auf, an Gutruns Seite sie zu
geleitet. Brünnhilde blickt starr, zu Gutrune auf, welche ihr mit
freundlichem Lächeln zuwinkt. Als Brünnhilde heftig zurücktreten
Witt, tritt Hagen rasch da wischen und drängt sie an Gunther, der jetzt von
neuem ihre Hand errasst, worauf er selbst von den Mannern sich auf den Schild
heben lässt. Während der Zug, kaum unterbrochen, schnell der Höhe
zu sich wieder in Bewegung setzt, fällt der Vorhang)