| Prologue
Siegfried and Brünnhilde |
Brünnhilde: Zu neuen Taten, |
00:00
16:55 |
| Scene 1 | Gunther: Nun hör', Hagen; | 33:32 |
| Scene 2
Bloodbrotherhood Oath (57:50) |
Hagen: Heil! Siegfried, teurer Held!
Siegfried: Blühenden Lebens labendes Blut |
44:56
57:50 |
| Scene 3
Siegfried arrives as Gunther |
Brünnhilde: Altgewohntes Geräusch
Brünnhilde: Blitzend Gewölk, |
71:35
92:39 |
Auf dem Walkürenfelsen
Die Szene ist dieselbe wie am Schlusse
des zweiten Tages. Nacht. Aus der Tiefe des Hintergrundes leuchtet Feuerschein.
DIE DREI NORNEN
Höhe Frauengestalten in langen, dunklen und schleierartigen Faltengewändern.
Die erste (älteste) lagert im Vordergrunde rechts unter der breitästigen
Tanne; die zweite (jüngere) ist an einer Steinbank vor dem Felsengemache
hingestreckt; die dritte (jüngste) sitzt in der Mitte des Hintergrundes auf
einem Felssteine des Höhensaümes. Eine Zeitlang herrscht düsteres
Schweigen.
DIE ERSTE NORN (ohne sich zu bewegen)
Welch Licht leuchtet dort?
DIE ZWEITE NORN
Dämmert der Tag schon auf?
DIE DRITTE NORN
Loges Heer
lodert feurig um den Fels.
Noch ist's Nacht.
Was spinnen und singen wir nicht?
DIE ZWEITE NORN (zu der ersten)
Wollen wir spinnen und singen,
woran spannst du das Seil?
DIE ERSTE NORN (erhebt sich, während sie ein goldenes Seil von
sich löst und mit dem einen Ende es an einen Ast der Tanne knüpft)
So gut und schlimm es geh',
schling' ich das Seil und singe.
An
der Welt-Esche
wob ich einst,
da gross und stark dem Stamm entgrünte
weihlicher Äste Wald.
Im kühlen Schatten
rauscht' ein Quell,
Weisheit raunend
rann sein Gewell':
da sang ich heil'gen Sinn. -
Ein kühner Gott
trat zum Trunk an den Quell;
seiner Augen eines
zahlt' er als ewigen Zoll.
Von der Welt-Esche
brach da Wotan einen
Ast;
eines Speeres Schaft
entschnitt der Starke dem Stamm.
In
langer Zeiten Lauf
zehrte die Wunde den Wald;
falb fielen die Blätter,
dürr darbte der Baum:
traurig versiegte
des Quelles Trank:
trüben Sinnes
ward mein Gesang.
Doch, web' ich heut'
an der
Welt-Esche nicht mehr,
muss mir die Tanne
taugen zu fesseln das Seil:
singe, Schwester,
dir werf' ich's zu
weisst du, wie das ward?
DIE ZWEITE NORN (windet das zugeworfene Seil um einen
hervorspringenden Felsstein am Eingange des Gemaches)
Treu beratner
Verträge Runen
schnitt Wotan
in des
Speeres Schaft:
den hielt er als Haft der Welt.
Ein kühner Held
zerhieb im Kampfe den Speer;
in Trümmern sprang
der Verträge
heiliger Haft.
Da hiess Wotan
Walhalls Helden
der Welt-Esche
welkes Geäst
mit dem Stamm in Stücke zu fällen:
die
Esche sank;
ewig versiegte der Quell!
Fessle ich heut'
an den
scharfen Fels das Seil:
singe, Schwester,
- dir werf' ich's zu -
weisst du, wie das wird?
DIE DRITTE NORN (das Seil auffangend und dessen Ende hinter sich
werfend)
Es ragt die Burg,
von Riesen gebaut:
mit der Götter und
Helden
heiliger Sippe
sitzt dort Wotan im Saal.
Gehau'ner Scheite
hohe Schicht
ragt zuhauf
rings um die Halle:
die Welt-Esche war
dies einst!
Brennt das Holz
heilig brünstig und hell,
sengt
die Glut
sehrend den glänzenden Saal:
der ewigen Götter Ende
dämmert ewig da auf.
Wisset ihr noch,
so windet von neuem das
Seil;
von Norden wieder werf' ich's dir nach.
(Sie wirft das Seil der Zweiten Norn zu)
(schwingt das Seil der ersten
hin, die es von Zweige und es an einen andern Ast wieder anknüpft)
DIE DRITTE NORN
Spinne, Schwester, und singe!
DIE ERSTE NORN (nach hinten blickend)
Dämmert der Tag?
Oder leuchtet die Lohe?
Getrübt trügt
sich mein Blick;
nicht hell eracht' ich
das heilig Alte,
da Loge
einst
entbrannte in lichter Brunst:
Weisst du, was aus ihm ward?
DIE ZWEITE NORN (das zugeworfene Seil wieder um den Stein windend)
Durch des Speeres Zauber
zähmte ihn Wotan;
Räte raunt'
er dem Gott.
An des Schaftes Runen,
frei sich zu raten,
nagte
zehrend sein Zahn,
da, mit des Speeres
zwingender Spitze
bannte
ihn Wotan,
Brünnhildes Fels zu umbrennen.
Weisst du, was aus ihm
wird?
DIE DRITTE NORN (das zugeschwungene Seil wieder hinter sich werfend)
Des zerschlagnen Speeres
stechende Splitter taucht einst Wotan
dem
Brünstigen tief in die Brust:
zehrender Brand
zündet da auf;
den wirft der Gott
in der Welt-Esche
zuhauf geschichtete Scheite.
(Sie wirft das Seil zurück, die Zweite Norn windet es auf und wirft es
der ersten wieder zu)
Wollt ihr wissen,
wann das wird?
Schwinget, Schwestern, das Seil!
DIE ERSTE NORN (das Seil von neuem anknüpfend)
Die Nacht weicht;
nichts mehr gewahr' ich:
des Seiles Fäden
find' ich nicht mehr;
verflochten ist das Geflecht.
Ein wüstes
Gesicht
wirrt mir wütend den Sinn:
das Rheingold raubte Alberich
einst:
weisst du, was aus ihm ward?
DIE ZWEITE NORN (mit mühevoller Hast das Seil um den zackigen
Stein des Gemaches windend)
Des Steines Schärfe
schnitt in das Seil;
nicht fest spannt
mehr
der Fäden Gespinnst:
verwirrt ist das Geweb':
aus Not
und Neid
ragt mir des Niblungen Ring:
ein rächender Fluch
nagt meiner Fäden Geflecht.
Weisst du, was daraus wird?
DIE DRITTE NORN (das zugeworfene Seil hastig fassend)
Zu locker das Seil,
mir langt es nicht.
Soll ich nach Norden
neigen das Ende,
straffer sei es gestreckt!
(Sie zieht gewaltsam das Seil an: dieses reisst in der Mitte)
Es riss!
DIE ZWEITE NORN
Es riss!
DIE ERSTE NORN
Es riss!
(Erschreckt sind DIE DREI NORNEN aufgefahren und nach der Mitte der Bühne
zusammengetreten: sie fassen die Stücke des zerrissenen Seiles und binden
damit ihre Leiber aneinander)
DIE DREI NORNEN
Zu End' ewiges Wissen!
Der Welt melden
Weise nichts mehr.
DIE DRITTE NORN
Hinab!
DIE ZWEITE NORN
Zur Mutter
DIE ERSTE NORN
Hinab!
(Sie verschwinden)
(Tagesgrauen. Wachsende Morgenröte, immer schwächeres
Leuchtendes Feuerscheines aus der Tiefe)
SIEGFRIED und BRÜNNHILDE (16:55)(treten aus
dem Steingemache auf. Siegfried ist in vollen Waffen, Brünnhilde führt
ihr Ross am Zaume)
BRÜNNHILDE
Zu neuen Taten,
teurer Helde,
wie liebt' ich dich,
liess ich
dich nicht?
Ein einig' Sorgen
lässt mich säumen:
dass
dir zu wenig
mein Wert gewann!
Was Götter mich wiesen,
gab
ich dir:
heiliger Runen
reichen Hort;
doch meiner Stärke
magdlichen Stamm
nahm mir der Held,
dem ich nun mich neige.
Des
Wissens bar,
doch des Wunsches voll:
an Liebe reich,
doch ledig
der Kraft:
mögst du die Arme
nicht verachten,
die dir nur gönnen,
nicht geben mehr kann!
SIEGFRIED
Mehr gabst du, Wunderfrau,
als ich zu wahren weiss:
nicht zürne,
wenn dein Lehren
mich unbelehret liess!
Ein Wissen doch wahr' ich
wohl:
dass mir Brünnhilde lebt;
eine Lehre lernt' ich leicht:
Brünnhildes zu gedenken!
BRÜNNHILDE
Willst du mir Minne schenken,
gedenke deiner nur,
gedenke deiner
Taten:
gedenk' des wilden Feuers,
das furchtlos du durchschrittest,
da den Fels es rings umbrann -
SIEGFRIED
Brünnhilde zu gewinnen!
BRÜNNHILDE
Gedenk' der beschildeten Frau,
die in tiefem Schlaf du fandest,
der den lesten Helm du erbrachst -
SIEGFRIED
Brünnhilde zu erwecken!
BRÜNNHILDE
Gedenk' der Eide,
die uns einen;
gedenk' der Treue,
die wir
tragen;
gedenk' der Liebe,
der wir leben:
Brünnhilde brennt
dann ewig
heilig dir in der Brust! -
SIEGFRIED
Lass ich, Liebste, dich hier
in der Lohe heiliger Hut,
(Er bar den Ring Alberichs von seinem Finger gezogen und reicht ihn jetzt Brünnhilde
dar)
zum Tausche deiner Runen
reich' ich dir diesen Ring.
Was der Taten
je ich schuf,
des Tugend schliesst er ein.
Ich erschlug einen wilden
Wurm,
der grimmig lang' ihn bewacht.
Nun wahre du seine Kraft
als
Weihegruss meiner Treu'!
BRÜNNHILDE (voll Entzücken den Ring sich ansteckend)
Ihn geiz' ich als einziges Gut!
Für den Ring nimm nun auch mein
Ross!
Ging sein Lauf mit mir
einst kühn durch die Lüfte,
mit mir
verlor es die mächt'ge Art;
über Wolken hin
auf
blitzenden Wettern
nicht mehr
schwingt es sich mutig des Wegs;
doch wohin du ihn führst,
- sei es durchs Feuer -
grauenlos folgt
dir Grane;
denn dir, o Helde,
soll er gehorchen!
Du hüt' ihn
wohl;
er hört dein Wort:
o bringe Grane
oft Brünnhildes
Gruss!
SIEGFRIED
Durch deine Tugend allein
soll so ich Taten noch wirken?
Meine Kämpfe
kiesest du,
meine Siege kehren zu dir:
auf deines Rosses Rücken,
in deines Schildes Schirm,
nicht Siegfried acht' ich mich mehr,
ich
bin nur Brünnhildes Arm.
BRÜNNHILDE
O wäre Brünnhild' deine Seele!
SIEGFRIED
Durch sie entbrennt mir der Mut.
BRÜNNHILDE
So wärst du Siegfried und Brünnhild'?
SIEGFRIED
Wo ich bin, bergen sich beide.
BRÜNNHILDE (lebhaft)
So verödet mein Felsensaal?
SIEGFRIED
Vereint, lasst er uns zwei!
BRÜNNHILDE (in grosse Ergriffenheit)
O heilige Götter!
Hehre Geschlechter!
Weidet eu'r Aug'
an dem weihvollen Paar!
Getrennt - wer will es scheiden?
Geschieden -
trennt es sich nie!
SIEGFRIED
Heil dir, Brünnhilde,
prangender Stern!
Heil, strahlende
Liebe!
BRÜNNHILDE
Heil dir, Siegfried,
siegendes Licht!
Heil, strahlendes Leben!
BEIDE
Heil! Heil!
(Siegfried geleitet schnell das Ross am Felsenabhange zu, wohin ihm Brünnhilde
folgt)
(Siegfried ist mit dem Rosse hinter dem Felsenvorsprunge abwärts
verschwunden, so dass der Zuschauer ihn nicht mehr sieht: Brünnhilde steht
so plötzlich allein am Abhange und blicht Siegfried in die Tiefe nach. Man
hört Siegfrieds Horn aus der Tiefe. Brünnhilde lauscht. Sie tritt
weiter auf den Abhang, hinaus und erblickt Siegfried nochmals in der Tiefe: sie
winkt ihm mit entzückter Gebärde zu. Aus ihrer freudigen Lächeln
deutet sich der Anblick des lustig davon ziehenden Helden. Der Vorhang fällt
schnell).
(Das Orchester nimmt die Weise des Hornes auf und führt sie in einem kräftigen
Satze durch. Darauf beginnt sogleich der erste Aufzug)
Siegfried's Rheinfahrt (orchestral interlude) (28:26)
Die Halle der Ghibichungen am Rhein.
Diese ist dem Hintergrunde zu
ganz offen; den Hintergrund selbst nimmt ein freier Uferraum bis zum Füsse
bin ein; felsige Abhöhen umgrenzen das Ufer.
GUNTHER, HAGEN und GUTRUNE
(Gunther und Gutrune auf dem Hochsitze zur Seite, vor welchem ein Tisch
mit Trinkgerät steht; davor sitzt Hagen)
GUNTHER
Nun hör', Hagen;
sage mir, Held:
sitz' ich herrlich am
Rhein,
Gunther zu Gibichs Ruhm?
HAGEN
Dich echt genannten
acht' ich zu neiden:
die beid' uns Brüder
gebar,
Frau Grimhild' hiess michs' begreifen.
GUNTHER
Dich neide ich:
nicht neide mich du!
Erbt' ich Erstlingsart,
Weisheit ward dir allein:
Halbbrüderzwist
bezwang sich nie
besser.
Deinem Rat nur red' ich Lob,
frag' ich dich nach meinem Ruhm.
HAGEN
So schelt' ich den Rat,
da schlecht noch dein Ruhm:
denn hohe Güter
weiss ich,
die der Gibichung noch nicht gewann.
GUNTHER
Verschwiegst du sie,
so schelt' auch ich.
HAGEN
In sommerlich reifer Stärke
seh' ich Gibichs Stamm,
dich,
Gunther, unbeweibt,
dich, Gutrun', ohne Mann.
(Gunther und Gutrune sind in schweigendes Sinnen verloren)
GUNTHER
Wen rätst du nun zu frein,
dass unsrem Ruhm' es fromm'?
HAGEN
Ein Weib weiss ich,
das herrlichste der Welt:
auf
Felsen hoch ihr Sitz;
ein Feuer umbrennt ihren Saal:
nur wer durch das
Feuer bricht
darf Brünnhildes Freier sein.
GUNTHER
Vermag das mein Mut zu bestehn?
HAGEN
Einem Stärk'ren noch ist's nur bestimmt.
GUNTHER
Wer ist der streitlichste Mann?
HAGEN
Siegfried, der Wälsungen Spross:
der ist der stärkste Held.
Ein Zwillingspaar,
von Liebe bezwungen,
Siegmund und Sieglinde,
zeugten den ächtesten Sohn.
Der im Walde mächtig erwuchs,
den wünsch' ich Gutrun' zum Mann.
GUTRUNE (schüchtern beginnend)
Welche Tat schuf er so tapfer,
dass als herrlichster Held er genannt?
HAGEN
Vor NeidhöhIe
den Niblungenhort
bewachte ein riesiger Wurm:
Siegfried schloss ihm
den freislichen Schlund,
erschlug ihn mit
siegendem Schwert.
Solch ungeheurer Tat
enttagte des Helden Ruhm.
GUNTHER (in Nachsinnen)
Vom Niblungenhort vernahm ich:
er birgt den neidlichsten Schatz?
HAGEN
Wer wohl ihn zu nützen wüsst',
dem neigte sich wahrlich die
Welt.
GUNTHER
Und Siegfried hat ihn erkämpft?
HAGEN
Knecht sind die Niblungen ihm.
GUNTHER
Und Brünnhild' gewänne nur er?
HAGEN
Keinem andren wiche die Brunst.
GUNTHER (unwillig sich vom Sitze erhebend)
Was weckst du Zweifel und Zwist!
Was ich nicht zwingen soll,
darnach zu verlangen
machst du mir Lust?
(Er schreitet bewegt in der Halle auf und ab. Hagen, ohne seinen Sitze zu
verlassen, hält Gunther, als dieser wieder in seine Nähe kommt durch
einen geheimnisvoll Wink fest)
HAGEN
Brächte Siegfried
die Braut dir heim,
wär'
dann nicht Brünnhilde dein?
GUNTHER (wendet sich wieder zweifelnd und unmutig ab)
Was zwänge den frohen Mann,
für mich die Braut zu frein?
HAGEN (wie vorher)
Ihn zwänge bald deine Bitte,
bänd' ihn Gutrun' zuvor.
GUTRUNE
Du Spötter, böser Hagen!
Wie sollt' ich
Siegfried binden?
Ist er der herrlichste Held der Welt,
der Erde
holdeste Frauen
friedeten längst ihn schon.
HAGEN (sehr vertraulich zu Gunther hinneigend)
Gedenk' des Trankes im Schrein;
(heimlicher)
vertraue mir, der ihn gewann:
den Helden, des du verlangst,
bindet
er liebend an dich.
(Gunther ist wieder an den Tisch getreten, und hört, auf ihn gelehnt,
jetzt aufmerksam zu)
Träte nun Siegfried ein,
genöss' er des würzigen
Tranks,
dass vor dir ein Weib er ersah,
dass je ein Weib ihm genaht,
vergessen müss't er des ganz.
Nun redet:
Wie dünkt euch
Hagens Rat?
GUNTHER (lebhaft auffahrend)
Gepriesen sei Grimhild',
die uns den Bruder gab!
GUTRUNE
Möcht' ich Siegfried je ersehn!
GUNTHER
Wie fänden wir ihn auf?
(Ein Horn auf dem Theater klingt aus dem Grunde von links her. Hagen
lauscht)
HAGEN
Jagt er auf Taten
wonnig umher,
zum engen Tann
wird ihm die Welt:
wohl stürmt er in rastloser Jagd
auch zu
Gibich's Strand an den Rhein.
GUNTHER
Willkommen hiess' ich ihn gern!
(Horn auf dem Theater, näher, aber immer noch fern. Beide lauschen)
Vom Rhein ertönt das Horn.
HAGEN (ist an das Ufer gegangen, späht den Fluss hinab und ruft
zurück)
In einem Nachen Held und Ross!
Der bläst so munter das Horn!
(Gunther bleibt auf halbem Wege lauschend zurück)
Ein gemächlicher Schlag,
wie von müssiger Hand,
treibt
jacht den Kahn
wider den Strom;
so rüstiger Kraft
in des
Ruders Schwung
rühmt sich nur der,
der den Wurm erschlug.
Siegfried ist es, sicher kein andrer!
GUNTHER
Jagt er vorbei?
HAGEN (durch die hohlen Hände nach dem Flusse rufend)
Hoiho! wohin,
du heitrer Held?
SIEGFRIEDS STIMME (aus der Ferne, vom Flusse her)
Zu Gibichs starkem Sohne.
HAGEN
Zu seiner Halle entbiet' ich dich.
(Siegfried erscheint im Kahn am Ufer)
Hieher! Hier lege an!
(Siegfried legt mit dem Kahne an und springt, nachdem Hagen den Kahn mit
der Kette am Ufer fest geschlossen hat; mit dem Rosse auf den Strand)
HAGEN
Heil! Siegfried, teurer Held!
(Gunther ist zu Hagen an das Ufer getreten. Gutrune blickt von Hochsitze aus
in. staunender Bewunderung auf Siegfried. Gunther will freundlichen Gruss
bieten. Alle sind in gegenseitiger stummer Betrachtung gefesselt)
SIEGFRIED (auf sein Ross gelehnt, bleibt ruhig, am Kahne stehen)
Wer ist Gibich's Sohn?
GUNTHER
Gunther, ich, den du suchst.
SIEGFRIED
Dich hört' ich rühmen
weit am Rhein:
nun ficht mit mir,
oder sei mein Freund!
GUNTHER
Lass den Kampf!
Sei willkommen!
SIEGFRIED (sieht sich ruhig um)
Wo berg' ich mein Ross?
HAGEN
Ich biet' ihm Rast.
SIEGFRIED (zu Hagen gewendet)
Du rief'st mich Siegfried:
sahst du mich schon?
HAGEN
Ich kannte dich nur
an deiner Kraft.
SIEGFRIED (indem er an Hagen das Ross übergibt)
Wohl hüte mir Grane,
Du hieltest nie
von edlerer Zucht
am Zaume ein Ross.
(Hagen führt das Ross rechts hinter die Halle ab. Während
Siegfried ihm gedankenvoll nachblickt, entfernt sich auch Gutrune, durch einen
Wink Hagens bedeutet, von Siegfried unbemerkt, nach links durch eine Tür in
ihr Gemach)
(Gunther schreitet mit Siegfried, den er dazu einlädt, in
die Halle vor)
GUNTHER
Begrüsse froh, o Held,
die Halle meines Vaters;
wohin du
schreitest,
was du ersieh'st
das achte nun dein Eigen:
dein ist
mein Erbe,
Land und Leut' -
hilf, mein Leib, meinem Eide!
Mich
selbst geb' ich zum Mann.
SIEGFRIED
Nicht Land noch Leute biete ich,
noch Vaters Haus und Hof:
einzig
erbt' ich
den eigne Leib;
lebend zehr' ich den auf.
Nur ein
Schwert hab' ich,
selbst geschmiedet -
hilf, mein Schwert, meinem
Eide!
das biet' ich mit mir zum Bund.
HAGEN (der zurückgekommen ist und jetzt hinter Siegfried steht)
Doch des Niblungenhortes
nennt die Märe dich Herrn?
SIEGFRIED (sich zu Hagen umwendend)
Des Schatzes vergass ich fast:
so schätz' ich sein müss'ges
Gut!
In einer Höhle liess' ich's liegen,
wo ein Wurm es einst
bewacht'.
HAGEN
Und nichts entnahmst du ihm?
SIEGFRIED (auf das stählerne Netzgewirk deutend, das er im Gürtel
hangen hat)
Dies Gewirk, unkund seiner Kraft.
HAGEN
Den Tarnhelm kenn' ich,
der Niblungen künstliches Werk:
et
taugt, bedeckt er dein Haupt,
dir zu tauschen jede Gestalt;
verlangt
dich's an fernsten Ort,
er entführt flugs dich dahin.
Sonst
nichts entnahmst du dem Hort?
SIEGFRIED
Einen Ring.
HAGEN
Den hütest du wohl?
SIEGFRIED
Den hütet ein hehres Weib.
HAGEN (für sich)
Brünnhild'...!
GUNTHER
Nicht, Siegfried, sollst du mir tauschen:
Tand gäb' ich für
dein Geschmeid,
nähmst all' mein Gut du dafür:
ohn' Entgelt
dien' ich dir gern.
(Hagen ist zu Gutrunes Türe gegangen und öffnet sie jetzt. Gutrune
tritt heraus, sie trägt ein gefülltes Trinkhorn und naht damit
Siegfried)
GUTRUNE
Willkommen, Gast,
in Gibich's Haus!
Seine
Tochter reicht dir den Trank.
SIEGFRIED (neigt sich ihr freundlich und ergreift das Horn, er hält
es gedankenvoll vor sich hin und sagt leise)
Vergäss' ich alles,
was du mir gabst,
von einer Lehre
lass ich doch nie:
den ersten Trunk
zu treuer Minne,
Brünnhilde,
bring' ich dir!
(Er setzt das Trinkhorn an und trinkt in einem langen Zuge. Er reicht das
Horn an Gutrune zurück, die verschämt und verwirrt ihre Augen vor ihm
niederschlägt)
SIEGFRIED (heftet den Blick mit schnell entbrannter Leidenschaft
auf sie)
Die so mit dem Blitz den Blick du mir sengst,
was senkst du dein Auge
vor mir?
(Gutrune schlägt errötend das Auge zu ihm auf)
SIEGFRIED
Ha, schönstes Weib!
Schliesse den Blick;
das Herz in der
Brust brennt mir sein Strahl:
zu feurigen Strömen fühl' ich
ihn zehrend zünden mein Blut! -
(mit bebender Stimme)
Gunther, wie heisst deine Schwester?
GUNTHER
Gutrune.
SIEGFRIED (leise)
Sind's gute Runen,
die ihrem Aug' ich entrate?
(Er fasst Gutrune mit feurigem Ungestüm bei Hand)
Deinem Bruder bot ich mich zum Mann:
der Stolze schlug mich aus;
trügst du, wie er, mir Übermut,
böt' ich mich dir zum Bund?
(Gutrune trifft unwillkürlich auf Hagens Blick. Sie neigt demütig
das Haupt, und mit einer Gebärde, als fühle sie sich seiner nicht
wert, verlässt sie schwankenden Schrittes wieder die Halle)
SIEGFRIED (von Hagen und Gunther aufmerksam beobachtet, blickt
ihr, wie festgezaubert, nach; dann, ohne sich umzuwenden, fragt er):
Hast du, Gunther, ein Weib?
GUNTHER
Nicht freit' ich noch,
und einer Frau
soll ich mich schwerlich
freun!
Auf eine setzt' ich den Sinn,
die kein Rat mir je gewinnt.
SIEGFRIED (wendet sich lebhaft zu Gunther)
Was wär' dir versagt,
steh' ich zu dir?
GUNTHER
Auf Felsen hoch ihr Sitz;
ein Feuer umbrennt den Saal.
SIEGFRIED (mit verwunderungsvoller Hast einfallend)
"Auf Felsen hoch ihr Sitz;
ein Feuer umbrennt den Saal "... ?
GUNTHER
Nur wer durch das Feuer bricht -
SIEGFRIED (mit der heftigsten Anstrengung, wie eine Erinnerung
festzuhalten)
"Nur wer durch das Feuer bricht"... -
GUNTHER
- darf Brünnhildes Freier sein.
(Siegfried drücke durch eine Gebärde aus, dass bei Nennung von Brünnhildes
Namen die Erinnerung ihm vollends ganz schwindet)
GUNTHER
Nun darf ich den Fels nicht erklimmen;
das Feuer verglimmt mir nie!
SIEGFRIED (kommt aus einem traumartigen Zustand zu sich und wendet
sich mit übermütiger Lustigkeit zu Gunther)
Ich - fürchte kein Feuer,
für dich frei ich die Frau;
denn dein Mann bin ich,
und mein Mut ist dein,
gewinn' ich mir Gutrun'
zum Weib.
GUNTHER
Gutrune gönn' ich dir gerne.
SIEGFRIED
Brünnhilde bring' ich dir.
GUNTHER
Wie willst du sie täuschen?
SIEGFRIED
Durch des Tarnhelms Trug
tausch' ich mir deine Gestalt.
GUNTHER
So stelle Eide zum Schwur!
SIEGFRIED
Blut-Brüderschaft
schwöre ein Eid!
(Hagen füllt ein Trinkhorn mit frischem Wein; dieses hält er dann
Siegfried und Gunther hin, welche sich mit ihren Schwertern die Arme ritzen und
diese eine kurze Zeit über die Öffnung des Trinkhornes alten)
(Siegfried und Gunther legen zwei ihrer Fingern auf das Horn, welches Hagen
fortwährend in ihrer Mitte hält)
BLUTBRÜDERSCHAFT EIDE (57:50)
SIEGFRIED
Blühenden Lebens
labendes Blut
träufelt' ich in den
Trank.
GUNTHER
Bruder-brünstig
mutig gemischt,
blüh' im Trank unser
Blut.
BEIDE
Treue trink' ich dem Freund:
froh und frei
entblühe dem Bund,
Blutbrüderschaft heut'!
GUNTHER
Bricht ein Bruder den Bund,
SIEGFRIED
Trügt den Treuen der Freund;
BEIDE
was in Tropfen heut'
hold wir tranken,
in Strahlen ström' es
dahin,
fromme Sühne dem Freund!
GUNTHER (trinkt und reicht das Horn Siegfried)
- So biet' ich den Bund:
SIEGFRIED
So - trink' ich dir Treu'!
(Er trinkt und hält das geleerte Trinkhorn Hagen hin. Hagen zerschlägt
mit seinem Schwerte das Horn in zwei Stücke. Siegfried und Gunther reichen
sich die Hände)
SIEGFRIED (betrachtet Hagen, welcher während des Schwures
hinter ihm gestanden)
Was nahmst du am Eide nahm'st Teil?
HAGEN
Mein Blut verdürb' euch den Trank;
nicht fliesst mir's echt
und edel wie euch;
störrisch und kalt
stockt's in mir;
nicht will's die Wange mir röten.
Drum bleib' ich fern,
von
feurigen Bund.
GUNTHER (zu Siegfried)
Lass den unfrohen Mann!
SIEGFRIED (hängt sich den Schild wieder über)
Frisch auf die Fahrt!
Dort liegt mein Schiff;
schnell führt
es zum Felsen.
(Er tritt näher zu Gunther und bedeutet diesen)
Eine Nacht am Ufer
harr'st du im Nachen;
die Frau fährst du
dann heim.
(Er wendet sich zum Fortgehen und winkt Gunther, ihm zu folgen)
GUNTHER
Rastest du nicht zuvor?
SIEGFRIED
Um die Rückkehr ist's mir jach!
(Er geht zum Ufer, um das Schiff loszubinden)
GUNTHER
Du, Hagen, bewache die Halle!
(Er folgt Siegfried zum Ufer. Während Siegfried und Gunther, nachdem
sie ihre Waffen darin niedergelegt, im Schiff das Segel aufstechen und alles zur
Abfahrt bereit machen, nimmt Hagen seinen Speer und Schild)
(Gutrune
erscheint an der Tür ihres Gemachs, als soeben Siegfrieds das Schiff abstösst,
welches sogleich der Mitte des Stromes zutreibt)
GUTRUNE
Wohin eilen die Schnellen?
HAGEN (während er sich gemächlich mit Schild und Speer vor
der Halle niedersetzt)
Zu Schiff - Brünnhild', zu frein.
GUTRUNE
Siegfried!
HAGEN
Sieh', wie's ihn treibt,
zum Weib dich zu gewinnen!
GUTRUNE
Siegfried - mein!
(Sie geht lebhaft erregt, in ihr Gemach zurück)
(Siegfried hat das
Rüder erfasst und treibt jetzt mit dessen Schlägen den Nachen stromabwärts,
so dass dieser bald gänzlich ausser Gesicht kommt)
HAGEN (sitzt mit dem Rücken an den Pfosten der Halle
gelehnt, bewegungslos)
Hier sitz' ich zur Wacht,
wahre den Hof,
wehre die Halle dem
Feind.
Gibich's Sohne
wehet der Wind,
auf Werben fährt er
dahin.
Ihm führt das Steuer
ein starker Held,
Gefahr ihm
will er besteh'n:
Die eigne Braut
ihm bringt er zum Rhein;
mir
aber bringt er - den Ring!
Ihr freien Söhne,
frohe Gesellen,
segelt nur lustig dahin!
Dünkt er euch niedrig,
ihr dient ihm
doch,
des Niblungen Sohn.
(Ein Teppich, welcher dem Vordergrunde zu die Halle einfasste, schlägt
zusammen und schliesst die Bühne vor dem Zuschauer ab. Nachdem während
eines kurzeit Orchester-Zwischenspieles der Schauplatz verwandelt ist, wird der
Teppich gänzlich aufgezogen)
Die Felsenhöhe. (wie im Vorspiel)
(Brünnhilde sitzt am
Eingange des Steingemaches in stummen Sinnen Siegfrieds Ring betrachtend; von
wonniger Erinnerung überwältigt, bedeckt sie ihn mit Küssen.
Ferner Donner lässt sich vernehmen, sie blickt auf und lauscht. Dann wendet
sie sich wieder zu dem Ring. Ein feuriger Blitz. Sie lauscht von neuem und späht
nach der Ferne, von woher eine finstre Gewitterwolke dem Felsensaume zuzieht)
BRÜNNHILDE
Altgewohntes Geräusch
raunt meinem
Ohr die Ferne.
Ein Luftross
jagt im Laufe daher;
auf der Wolke fährt
es
wetternd zum Fels.
Wer fand mich Einsame auf?
WALTRAUTES STIMME (aus der Ferne)
Brünnhilde! Schwester!
Schläfst oder wachst du?
BRÜNNHILDE (fährt vom Sitze auf)
Waltrautes Ruf,
so wonnig mir kund! -
Kommst du, Schwester?
Schwingst dich kühn zu mir her?
(Sie eilt nach dem Felsrande)
Dort im Tann
- dir noch vertraut -
steige vom Ross
und stell'
den Renner zur Rast!
(Sie stürmt in den Tann, von wo ein starkes Geräuscht, gleich
einem Gewitterschlage, sich vernehmen lässt. Dann kommt sie in heftiger
Bewegung mit Waltraute zurück; sie bleibt freudig erregt, ohne Waltrautes ängstliche
Scheu zu beachten)
Kommst du zu mir?
Bist du so kühn,
magst ohne Grauen
Brünnhild'
bieten den Gruss?
WALTRAUTE
Einzig dir nur galt meine Eil'!
BRÜNNHILDE (in höchster freudiger Aufgeregtheit)
So wagtest du, Brünnhild' zu Lieb',
Walvaters Bann zu brechen?
Oder wie? O sag'!
wär' wider mich
Wotans Sinn erweicht?
Als
dem Gott entgegen
Siegmund ich schützte,
fehlend - ich weiss es -
erfüllt' ich doch seinen Wunsch.
Dass sein Zorn sich verzogen,
weiss ich auch;
denn verschloss er mich gleich in Schlaf,
fesselt' er
mich auf den Fels,
wies er dem Mann mich zur Magd,
der am Weg mich fänd'
und erweckt',
meiner bangen Bitte
doch gab er Gunst:
mit
zehrendem Feuer
umgab er den Fels,
dem Zagen zu wehren den Weg.
So zur Seligsten
schuf mich die Strafe:
der herrlichste Held
gewann mich zum Weib!
In seiner Liebe
leucht' und lach' ich heut' auf.
(Sie umarmt Waltraute unter stürmischen Freudenbezeigungen, welche,
diese mit scheuer Ungeduld abzuwehren sucht)
Lockte dich, Schwester, mein Loos?
An meiner Wonne
willst du dich
weiden?
teilen, was mich betraf?
WALTRAUTE (heftig)
Teilen den Taumel,
der dich Törin erfasst?
Ein andres bewog
mich in Angst,
zu brechen Wotans Gebot.
(Brünnhilde gewahrt hier erst mit Befremdung die wildaufgeregte
Stimmung Waltrautes)
BRÜNNHILDE.
Angst und Furcht
fesseln dich Arme?
So verzieh der Strenge noch nicht?
Du zagst vor des Strafenden Zorn?
WALTRAUTE (düster)
Dürft' ich ihn fürchten,
meiner Angst fänd' ich ein
End'!
BRÜNNHILDE
Staunend versteh' ich dich nicht!
WALTRAUTE
Wehre der Wallung:
achtsam höre mich an!
Nach Walhall wieder
drängt mich die Angst,
die von Walhall hieher mich trieb.
BRÜNNHILDE (erschrocken)
Was ist's mit den ewigen Göttern?
WALTRAUTE
Höre mit Sinn, was ich sage!
Seit er von dir geschieden,
zur
Schlacht nicht mehr
schickte uns Wotan;
irr und ratlos
ritten wir
ängstlich zu Heer;
Walhalls mutige Helden
mied Walvater.
Einsam zu Ross,
ohne Ruh' noch Rast,
durchschweift er als Wandrer die
Welt.
Jüngst kehrte er heim;
in der Hand hielt er
seines
Speeres Splitter:
die hatte ein Held ihm geschlagen,
Mit stummen Wink
Walhalls Edle
wies er zum Forst
die Welt-Esche zu fällen.
Des Stammes Scheite
hiess er sie schichten
zu ragendem Hauf
rings
um der Seligen Saal.
Der Götter Rat
liess er berufen;
den
Hochsitz nahm
heilig er ein:
ihm zu Seiten
hiess er die Bangen
sich setzen,
in Ring und Reih'
die Hall' erfüllen die Helden.
So sitzt er,
sagt kein Wort,
auf hehrem Sitze
stumm und ernst;
des Speeres Splitter
fest in der Faust;
Holda's Äpfel
rührt
er nicht an.
Staunen und Bangen
binden starr die Götter.
Seine Raben beide
sandt' er auf Reise:
kehrten die einst
mit
guter Kunde zurück,
dann noch einmal
- zum letztenmal -
lächelte
ewig der Gott.
Seine Knie umwindend,
liegen wir Walküren;
blind bleibt er
den flehenden Blicken;
uns alle verzehrt
Zagen
und endlose Angst.
An seine Brust
presst' ich mich weinend:
da
brach sich sein Blick -
er gedachte, Brünnhilde, dein!
Tief
seufzt' er auf,
schloss das Auge,
und wie im Traume
raunt' er
das Wort:
"Des tiefen Rheines Töchtern
gäbe den Ring
sie wieder zurück,
von des Fluches Last
erlöst wär'
Gott und Welt!"
Da sann ich nach:
von seiner Seite
durch
stumme Reihen
stahl ich mich fort;
in heimlicher Hast
bestieg ich
mein Ross
und ritt im Sturme zu dir.
Dich, o Schwester,
beschwör'
ich nun:
was du vermagst,
vollend es dein Mut!
Ende der Ewigen
Qual!
(Sie hat sich vor Brünnhilde niedergeworfen)
BRÜNNHILDE (ruhig)
Welch' banger Träume Mären
meldest du Traurige mir!
Der
Götter heiligem
Himmelsnebel
bin ich Törin enttaucht:
nicht fass ich, was ich erfahre.
Wirr und wüst'
scheint mir dein
Sinn;
in deinem Aug'
- so übermüde -
glänzt
flackernde Glut.
Mit blasser Wange,
du bleiche Schwester,
was
willst du Wilde von mir?
WALTRAUTE (heftig)
An deiner Hand, der Ring
er ist's; - hör' meinen Rat:
für
Wotan wirf ihn von dir!
BRÜNNHILDE
Den Ring? - von mir?
WALTRAUTE
Den Rheintöchtern gib ihn zurück!
BRÜNNHILDE
Den Rheintöchtern - ich - den Ring?
Siegfrieds Liebespfand? -
Bist du von Sinnen?
WALTRAUTE.
Hör' mich! hör' meine Angst!
Der Welt
Unheil
haftet sicher an ihm.
Wirf ihn von dir,
fort in die Welle!
Walhalls Elend zu enden,
den verfluchten wirf in die Flut!
BRÜNNHILDE
Ha! weisst du, was er mir ist?
Wie kannst du's fassen,
fühllose
Maid! -
Mehr als Walhalls Wonne,
mehr als der Ewigen Ruhm
ist mir
der Ring:
ein Blick auf sein helles Gold,
ein Blitz aus dem hehren
Glanz
gilt mir werter
als aller Götter
ewig währendes
Glück!
Denn selig aus ihm
leuchtet mir Siegfried's liebe:
Siegfrieds Liebe!
- O liess sich die Wonne dir sagen!
Sie - wahrt mir
der Reif.
Geh' hin zu der Götter
heiligem Rat!
Von meinem
Ringe
raune ihnen zu:
die Liebe liesse ich nie,
mir nähmen
nie sie die Liebe,
stürzt' auch in Trümmern
Walhalls
strahlende Pracht!
WALTRAUTE
Dies deine Treue?
So in Trauer
entlässest du lieblos die
Schwester?
BRÜNNHILDE
Schwinge dich fort;
fliege zu Ross!
Den Ring entführst du mir
nicht!
WALTRAUTE
Wehe! Wehe!
Weh' dir, Schwester!
Walhalls Göttern Weh'!
(Sie stürzt fort. Bald erhebt sich unter Sturm eine Gewitterwolke aus
dem Tann)
BRÜNNHILDE (92:39)
(während sie der davonjagenden, hell erleuchteten Gewitterwolke,
die sich bald gänzlich in der Fern verliert, nachblickt)
Blitzend Gewölk,
vom Wind getragen,
stürme dahin:
zu mir nie steure mehr her!
(Es ist Abend geworden. Aus der Tiefe leuchtet der Feuerschein allmählich
heller auf. Brünnhilde blickt ruhig in die Landschaft hinaus)
Abendlich Dämmern
deckt den Himmel;
heller leuchtet
die
hütende Lohe herauf.
(Der Feuerschein naher sich aus der Tiefe. Immer glühendere
Flammenzungen lecken über den Felselzsaum auf)
Was leckt so wütend
die lodernde Welle zum Wall?
Zur
Felsenspitze
wälzt sich der feurige Schwall.
(Man hört aus dem Tiefe Siegfrieds Hornruf nahen. Brünnhilde
lauscht und fährt entzückt auf)
Siegfried!
Siegfried zurück?
Seinen Ruf sendet er her!...
Auf! - Auf ihm entgegen!
In meines Gottes Arm!
(Sie eilt in höchstem Entzücken dem Felsrande zu. Feuerflammen
schlagen herauf: aus ihnen springt Siegfried auf einen hochragenden Felsstein
empor, worauf die Flammen sogleich wieder zurückweichen und abermals nur
aus der Tiefe heraufleuchten. Siegfried, auf dem Haupte den Tarnhelm, der ihm
bis zur Hälfte das Gesicht verdeckt und nur die Augen freilässt,
erscheint in Gunthers Gestalt)
BRÜNNHILDE (voll Entsetzen zurückweichend)
Verrat! Wer drang zu mir?
(Sie flieht bis in den Vordergrund und heftet von da aus in sprachlosem
Erstaunen ihren Blick auf Siegfried)
SIEGFRIED (im Hintergrunde auf dem Steine veraweilend, betrachtet sie
lange, regungslos auf seinen Schild gelehnt; dann redet er sie mit verstellter -
tieferer - Stimme an)
Brünnhild'! Ein Freier kam,
den dein Feuer nicht geschreckt.
Dich werb' ich nun zum Weib:
du folge willig mir!
BRÜNNHILDE (heftig zitternd)
Wer ist der Mann,
der das vermochte,
was dem Stärksten nur
bestimmt?
SIEGFRIED (unverändert wie zuvor)
Ein Helde, der dich zähmt,
bezwingt Gewalt dich nur.
BRÜNNHILDE (von Grausen erfasst)
Ein Unhold schwang
sich auf jenen Stein!
Ein Aar kam geflogen,
mich zu zerfleischen!
Wer bist du, Schrecklicher?
(Langes Schweigen)
Stammst du von Menschen?
Kommst du von Hella's
nächtlichem
Heer?
SIEGFRIED (wie zuvor, mit etwas bebender Stimme beginnend, als bald
aber wieder sicherer fortfahrend)
Ein Gibichung bin ich,
und Gunther heisst der Held,
dem, Frau, du
folgen sollst.
BRÜNNHILDE (in Verzweiflung ausbrechend)
Wotan! Ergrimmter,
grausamer Gott!
Weh'! Nun erseh' ich
der
Strafe Sinn:
zu Hohn und Jammer
jag'st du mich hin!
SIEGFRIED (springt vom Stein herab und tritt näher heran)
Die Nacht bricht an:
in deinem Gemach
musst du dich mir vermählen!
BRÜNNHILDE (indem sie den Finger, an dem Sie Siegfrieds Ring trägt,
drohend ausstreckt)
Bleib' fern! Fürchte dies Zeichen!
Zur Schande zwingst du mich
nicht,
solang' der Ring mich beschützt.
SIEGFRIED
Mannesrecht gebe er Gunther:
durch den Ring sei ihm vermählt!
BRÜNNHILDE
Zurück, du Räuber
Frevelnder Dieb!
Erfreche dich nicht,
mir zu nahn!
Stärker als Stahl
macht mich der Ring:
nie -
raubst du ihn mir!
SIEGFRIED
Von dir ihn zu lösen,
lehrst du mich nun!
(Er dringt auf sie ein; sie ringen miteinander. Brünnhilde windet sich
los, flieht und wendet sich um, wie zur Wehr. Siegfried greift sie von neuem an.
Sie flieht, er erreicht sie. Beide ringen heftig miteinander. Er lasst sie bei
der Hand und entzieht ihrem Finger den Ring. Sie schreit heftig auf. Als sie wie
zerbrochen in seinen Armen niedersinkt, streift ihr Blick bewusstlos die Augen
Siegfried)
SIEGFRIED (lässt die Machtlose auf die Steinbank vor dem
Felsengemach niedergleiten)
Jetzt bist du mein,
Brünnhilde, Gunthers Braut. -
Gönne
mir nun dein Gemach!
BRÜNNHILDE (starrt ohnmächtig vor sich hin, matt)
Was könntest du wehren,
elendes Weib!
(Siegfried treibt sie mit einer gebietenden Bewegung an. Zitternd und
wankenden Schrittes geht sie in das Gemach)
SIEGFRIED (das Schwert ziehend, mit seiner natürlichen
Stimme)
Nun, Notung, zeuge du,
dass ich in Züchten warb.
Die Treue
wahrend dem Bruder,
trenne mich von seiner Braut!
(er folgt Brünnhilde)
(Der Vorhang fällt)