| Vorspiel | 00:00 | |
| Scene 1 | Alberich: In Wald und Nacht | 04:56 |
| Scene 2
Forest Murmurs Siegfried/Fafner |
Mime: Wir sind zur Stelle! Bleib hier stehn!
orchestral interlude Siegfried: Haha! Da hatte mein Lied |
22:22
31:30 39:20 |
| Scene 3 | Alberich: Wohin schleichst du | 48:00 |
VORSPIEL UND ERSTE SZENE
Tiefer Wald.
Ganz im Hintergrunde die Öffnung einer Höhle.
Der Boden hebt sich bis zur Mitte der Bühne, wo er eine kleine Hochebene
bildet; von da senkt er sich nach hinten, der Höhle zu, wieder abwärts,
so dass von dieser nur der obere Teil der Öffnung dem Zuschauer sichtbar
ist. Links gewahrt man durch Waldbäume eine zerklüftete Felsenwand.
Finstere Nacht, am dichtesten über dem Hintergrunde, wo anfänglich der
Blick des Zuschauers gar nichts zu unterscheiden vermag.
ALBERICH (04:56) (an der Felsenwand zur
Seite gelagert, düster brütend)
In Wald und Nacht
vor Neidhöhl' halt' ich Wacht:
es lauscht
mein Ohr,
mühvoll lugt mein Aug'.
Banger Tag,
bebst du schon
auf?
Dämmerst du dort,
durch das Dunkel her?
(Aus dem Walde von rechts her erhebt sich ein Sturmwind; ein bläulicher
Glanz leuchtet von ebendaher)
Welcher Glanz zittert dort auf?
Näher schimmert
ein heller
Schein; -
es rennt wie ein leuchtendes Ross,
bricht durch den Wald
brausend daher. -
Naht schon des Wurmes Würger?
Ist's schon, der
Fafner fällt?
(Der Sturmwind klegt sich wieder; der Glanz verlischt)
Das Licht erlischt, -
der Glanz barg sich dem Blick:
Nacht ist's
wieder.
(Der Wanderer tritt aus dem Wald auf und hält Alberich gegenüber
an)
Wer naht dort schimmernd im Schatten?
DER WANDERER
Zur Neidhöhle
fuhr ich bei Nacht:
wen gewahr' ich im Dunkel
dort?
(Wie aus einem plötzlich zerreissenden Gewölk bricht Mondschein
herein und beleuchtet des Wanderer Gestalt)
ALBERICH (erkennt den Wanderer, fährt erschrocken zurück,
bricht aber sogleich in höchste Wut aus)
Du selbst lässt dich hier sehn?
Was willst du hier?
Fort, aus
dem Weg!
Von dannen, schamloser Dieb!
WANDERER (ruhig)
Schwarz-Alberich,
schweifst du hier?
Hütest du Fafners Haus?
ALBERICH
Jagst du auf neue
Neidtat umher?
Weile nicht hier,
weiche von
hinnen!
Genug des Truges
tränkte die Stätte mit Not.
Drum, du Frecher,
lass sie jetzt frei!
WANDERER
Zu schauen kam ich,
nicht zu schaffen:
wer
wehrte mir Wand'rers Fahrt?
ALBERICH (lacht tückisch auf)
Du Rat wütender Ränke
Wär' ich dir zulieb
doch noch
dumm, wie damals,
als du mich Blöden bandest,
wie leicht geriet'
es,
den Ring mir nochmals zu rauben!
Hab' acht! Deine Kunst
kenne
ich wohl;
doch wo du schwach bist,
blieb mir auch nicht verschwiegen:
mit meinen Schätzen
zahltest du Schulden;
mein Ring lohnte
der Riesen Müh',
die deine Burg dir gebaut.
Was mit den
Trotzigen
einst du vertragen,
des Runen wahrt noch heut'
deines
Speeres herrischer Schaft.
Nicht du darfst,
was als Zoll du gezahlt,
den Riesen wieder entreissen:
du selbst zerspelltest
deines Speeres
Schaft;
in deiner Hand
der herrische Stab,
der starke, zerstiebte
wie Spreu!
WANDERER
Durch Vertrages Treuerunen
band er dich
Bösen mir nicht:
dich beugt' er mir durch seine Kraft;
zum Krieg drum wahr' ich ihn wohl!
ALBERICH
Wie stolz du dräust
in trotziger Stärke,
und wie dir's
im Busen doch bangt!
Verfallen dem Tod
durch meinen Fluch
ist des
Hortes Hüter:
wer wird ihn beerben?
Wird der neidliche Hort
dem Niblungen wieder gehören?
Das sehrt dich mit ew'ger Sorge!
Denn fass' ich ihn wieder
einst in der Faust,
anders als dumme Riesen
üb' ich des Ringes Kraft:
dann zittre der Helden
heiliger Hüter!
Walhalls Höhen
stürm' ich mit Hellas Heer:
der Welt walte
dann ich!
WANDERER (ruhig)
Deinen Sinn kenn' ich wohl;
doch sorgt er mich nicht.
Des Ringes
waltet,
wer ihn gewinnt.
ALBERICH
Wie dunkel sprichst du,
was ich deutlich doch weiss!
An Heldensöhne
hält sich dein Trotz,
(höhnisch)
die traut deinem Blute entblüht.
Pflegtest du wohl eines Knaben,
der klug die Frucht dir pflücke,
(immer heftiger)
die du nicht brechen darfst?
WANDERER
Mit mir nicht,
hadre mit Mime:
dein Bruder
bringt dir Gefahr;
einen Knaben führt er daber,
der Fafner ihm fällen
soll.
Nichts weiss der von mir;
der Niblung nützt ihn für
sich.
Drum sag' ich dir, Gesell:
tue frei, wie dir's frommt!
(Alberich macht eine Gebärde heftiger Neugierde)
Höre mich wohl,
sei auf der Hut!
Nicht kennt der Knabe den
Ring;
doch Mime kundet' ihn aus.
ALBERICH (heftig)
Deine Hand hieltest du vom Hort?
WANDERER
Wen ich liebe,
lass' ich für sich gewähren;
er steh'
oder fall',
sein Herr ist er:
Helden nur können mir frommen.
ALBERICH
Mit Mime räng' ich
allein um den Ring?
WANDERER
Ausser dir begehrt er
einzig das Gold.
ALBERICH
Und dennoch gewänn' ich ihn nicht?
WANDERER (ruhig näher tretend)
Ein Helde naht,
den Hort zu befrein;
zwei Niblungen geizen das
Gold;
Fafner fällt,
der den Ring bewacht:
wer ihn rafft, hat
ihn gewonnen. -
Willst du noch mehr?
Dort liegt der Wurm:
(er wendet sich nach der Höhle)
warnst du ihn vor dem Tod,
willig wohl liess' er den Tand.
Ich
selber weck' ihn dir auf.
(Er stelle sich aut die Anhöhe vor der Höhle und ruft hinein)
Fafner! Fafner!
Erwache, Wurm!
ALBERICH (in gespanntem Erstaunen, für sich)
Was beginnt der Wilde?
Gönnt er mir's wirklich?
(Aus der finstern Tiefe des Hintergrundes hört man Fafners Stimme durch
ein starkes Sprachrohr)
FAFNER
Wer stört mir den Schlaf?
WANDERER (der Höhle zugewandt)
Gekommen ist einer,
Not dir zu künden:
lohnt dir's mit dem
Leben;
Lohnst du das Leben ihm
mit dem Horte, den du hütest?
(Er beugt sein Ohr lauschend der Höhle zu)
FAFNERS STIMME
Was will er?
ALBERICH (ist dem Wanderer getreten und ruft in die Höhle)
Wache, Fafner!
Wache, du Wurm!
Ein starker Helde naht,
dich
heil'gen will er bestehn.
FAFNERS STIMME
Mich hungert sein.
WOTAN
Kühn ist des Kindes Kraft,
scharf schneidet sein Schwert.
ALBERICH
Den goldnen Reif
geizt er allein:
lass mir den Ring zum Lohn,
so wend' ich den Streit;
du wahrest den Hort,
und ruhig lebst du
lang'!
FAFNERS STIMME
Ich lieg' und besitz': -
(gähnend)
lasst mich schlafen!
WANDERER (lacht auf und wendet sich dann wieder zu Alberich)
Nun, Alberich, das Schlug fehl.
Doch schilt mich nicht mehr Schelm!
Dies eine, rat' ich, achte noch wohl:
(vertraulich zum ihm tretend)
Alles ist nach seiner Art:
an ihr wirst du nichts ändern.
Ich lass' dir die Stätte,
stelle dich fest!
versuch's mit Mime,
dem Bruder:
der Art ja versiehst du dich besser.
(zum Abgange gewendet)
Was anders ist, -
das lerne nun auch!
(Er verschwindet im Walde. Sturmwind erhebt sich, heller Glanz bricht aus;
dann vergeht beides schnell)
ALBERICH (blickt dem davonjagenden Wanderer nach)
Da reitet er hin
auf lichtem Ross;
mich lässt er in Sorg'
und Spott.
Doch lacht nur zu,
ihr leichtsinniges,
lustgieriges
Göttergelichter!
Euch seh' ich
noch alle vergehn!
Solang'
das Gold
am Lichte glänzt,
hält ein Wissender Wacht:
trügen
wird euch sein Trotz.
(Er schlüpft zur Seite in das Geklüft. Die Bühne bleibt leer.
Morgendämmärung)
ZWEITE SZENE (22:22)
(Bei anbrechendem Tage treten Mime und Siegfried auf. Siegfried trägt
das Schwert in einem Gehenke von Bastseil. Mime erspäht genau die Stätte;
er forscht endlich dem Hintergründe zu, welcher während die an Höhe
im mittleren Vordergrunde später immer heller von der Sonne beleuchtet wird
- in finstrem Schatten bleibt; dann bedeutet er Siegfried)
MIME
Wir sind zur Stelle!
Bleib hier stehn!
SIEGFRIED (setzt sich unter einer grossen Linde nieder und schaut
sich um)
Hier soll ich das Fürchten lernen
Fern hast du mich geleitet:
eine volle Nacht im Walde
selbander wanderten wir.
Nun sollst du,
Mime,
mich meiden!
Lern' ich hier nicht,
was ich lernen muss,
allein zich' ich dann weiter:
dich endlich werd' ich da los!
MIME (setzt sich ihm gegenüber, so dass er die Höhle immer
noch im Auge behält)
Glaube, Liebster!
Lernst du heut' und hier
das Fürchten
nicht,
an andrem Ort,
zu andrer Zeit
schwerlich erfährst
du's je.
Siehst du dort
den dunklen Höhlenschlund?
Darin
wohnt
ein greulich wilder Wurm:
unmassen grimmig
ist er und
gross;
ein schrecklicher Rachen
reisst sich ihm auf;
mit Haut und
Haar
auf einen Happ
verschlingt der Schlimme dich wohl.
SIEGFRIED (immer unter der Linde sitzend)
Gut ist's, den Schlund ihm zu schliessen:
drum biet' ich mich nicht dem
Gebiss.
MIME
Giltig giesst sich
ein Geifer ihm aus:
wen mit des Speichels
Schweiss er bespeit,
dem schwinden wohl
Fleisch und Gebein.
SIEGFRIED
Dass dea Geifers Gift mich nicht sehre,
weich' ich zur Seite dem Wurm.
MIME
Ein Schlangenschweif
schlägt sich sich ihm auf:
wen er damit
umschlingt
und fest umschliesst,
dem brechen die Glieder wie Glas!
SIEGFRIED
Vor des Schweifes Schwang mich zu wahren,
halt' ich den Argen im Aug'.
-
Doch heisse mich das:
bat der Wurm ein Herz?
MIME
Ein grimmiges, hartes Herz!
SIEGFRIED
Das sitzt ihm doch,
wo es jedem schlägt,
trag' es Mann oder
Tier?
MIME
Gewiss, Knabe,
da führt's auch der Wurm.
Jetzt kommt dir das
Fürchten wohl an?
SIEGFRIED (bisher nachlässig ausgestrecht, erhebt sich rasch
zum Sitz)
Notung stoss' ich
dem Stolzen ins Herz!
Soll das etwa Fürchten
heissen?
He! Du Alter!
Ist das alles,
was deine List
mich
lehren kann?
Fahr' deines Wegs dann weiter;
das Fürchten lern'
ich hier nicht.
MIME
Wart' es nur ab!
Was ich dir sage,
dünke dich tauber Schall:
ihn selber musst du
hören und sehn,
die Sinne vergehn dir dann
schon!
Wenn dein Blick verschwimmt,
der Boden dir schwankt,
im
Busen bang,
dein Herz erbebt: -
(sehr freundlich)
dann dankst du mir, der dich führte,
gedenkst, wie Mime dich
liebt.
SIEGFRIED
Du sollst mich nicht lieben!
Sagt' ich dir's nicht?
Fort aus den
Augen mir!
Lass mich allein:
sonst halt' ich's hier länger nicht
aus,
fängst du von Liebe gar 'an!
Das eklige Nicken
und
Augenzwicken,
wann endlich soll ich's nicht mehr sehn,
wann werd' ich
den Albernen los?
MIME
Ich lass' dich schon.
Am Quell dort lagr' ich mich;
steh' du nur
hier;
steigt dann die Sonne zur Höh',
merk' auf den Wurm:
aus der Höhle wälzt er sich her,
hier vorbei
biegt er dann,
am Brunnen sich zu tränken.
SIEGFRIED (lachend)
Mime, weilst du am Quell,
dahin lass, ich den Wurm wohl gehn:
Notung stoss' ich
ihm erst in die Nieren,
wenn er dich selbst dort
mit weggesoffen.
Darum hör' meinen Rat,
raste nicht dort am
Quell;
kehre dich weg,
so weit du kannst,
und komm' nie mehr zu
mir!
MIME
Nach freislichem Streit
dich zu erfrischen,
wirst du mir wohl
nicht wehren?
(Siegfried wehrt ihn hastig ab)
Rufe mich auch,
darbst du des Rate, -
(Siegfried wiederholt die Gebärde mit Ungestüm)
oder wenn dir das Fürchten gefällt.
(Siegfried erhebt sich und treibt Mime mit wütenden Gebärde zum
Fortgehen)
MIME (im Abgehen für sich)
Fafner und Siegfried -
Siegfried und Fafner -
Oh! brächten
beide sich um!
(Er verschwind rechts im Wald)
SIEGFRIED (streckt sich behaglich unter der Linde aus und blickt dem
davongehenden Mime nach)
Dass der mein Vater nicht ist,
wie fühl' ich mich drob so froh!
Nun erst gefällt mir
der frische Wald;
nun erst lacht mir
der lustige Tag,
da der Garstige von mir schied,
und ich gar nicht ihn
wiederseh'!
(Er verfällt in schweigendes Sinnen)
Wie sah mein Vater wohl aus? -
Ha! gewiss, wie ich selbst!
Denn wär'
wo von Mime ein Sohn,
müsst' er nicht ganz
Mime gleichen?
Grade so garstig,
griesig und grau,
klein und krumm,
höckrig
und kinkend,
mit hängenden Ohren,
triefigen Augen -
fort mit
dem Alp!
Ich mag ihn nicht mehr sehn.
(Er lehnt sich tiefer zurück und blickt durch den Baumwipfel auf. Tiefe
Stille. Waldweben)
Aber - wie sah
meine Mutter wohl aus?
Das kann ich
nun gar
nicht mir denken!
Der Rehhindin gleich
glänzten gewiss
ihr
hell schimmernde Augen,
nur noch viel schöner! -
Da bang sie mich
geboren,
warum aber starb sie da?
Sterben die Menschenmütter
an ihren Söhnen
alle dahin? -
Traurig wäre das, traun!
Ach! möcht' ich Sohn
meine Mutter sehen!
Meine Mutter -
ein
Menschenweib!
(31:30)(Er seufzt leise und streckt sich
tiefer zurück. Grosse Stille. Wachsendes Waldweben. Siegfrieds
Aufmerksamkeit wird endlich durch den Gesang der Waldvögel gefesselt. Er
lauscht mit wachsender Teilnahme einem Waldvogel in den Zweigen über ihm)
Du holdes Vöglein!
dich hört' ich noch nie:
bist du im
Wald hier daheim?
Verstünd' ich sein süsses Stammeln!
Gewiss
sagt' es mir was,
vielleicht von der lieben Mutter?
Ein zankender
Zwerg
hat mir erzählt,
der Vöglein Stammeln
gut zu
verstehn,
dazu könnte man kommen.
Wie das wohl maglich wär'?
(Er sinnt nach. Sein Blick fällt auf cin Rohrgebüsch unweit der
Linde)
Hei! ich versuch's;
sing' ihm nach:
auf dem Rohr tön' ich ihm
ähnlich!
Entrat' ich der Worte,
achte der Weise,
sing' ich
so seine Sprache,
versteh' ich wohl auch, was es spricht.
(Er springt an den nahen Quell, schneidet mit dem Schwerte ein Rohr ab und
schnitzt sich hastig eine Pfeife daraus. Währenddem lauscht er wieder)
Es schweigt und lauscht:
so schwatz' ich denn los!
(Er bläst auf dem Rohr. Er setzt ab, schnitzt wieder und bessert. Er bläst
wieder. Er schüttelt mit dem Kopfe und bessert wieder. Er wird ärgerlich,
drückt das Rohr mit der Hand und versucht wieder. Er setzt lächend
ganz ab)
Das tönt nicht recht;
auf dem Rohre taugt
die wonnige Weise
mir nicht.
Vöglein, mich dünkt,
ich bleibe dumm:
von
dir lernt sich's nicht leicht -
(Er hört den Vogel wieder und blickt zu ihm auf)
Nun schäm' ich mich gar
vor dem schelmischen Lauscher:
er
lugt und kann nichts erlauschen.
Heida! So höre
nun auf mein
Horn.
(Er schwingt das Rohr und wirft es weit fort)
Auf dem dummen Rohre
gerät mir nichts.
Einer Waldweise,
wie ich sie kann,
der lustigen sollst du nun lauschen:
nach liebem
Gesellen
lockt' ich mit ihr:
nichts Bessres kam noch
als Wolf und
Bär.
Nun lass mich sehn,
wenn jetzt sie mir lockt:
ob das
mir ein lieber Gesell?
(Er nimmt das silberne Hilthorn und bläst darauf. Im Hintergrunde regt
es sich. Fafner, in der Gestalt eines ungeheuren eidechsenartigen
Schlangenwurmes, hai sich in der Höhle von seinem Lager erhoben; er bricht
durch das Gesträuch und wältzt sich aus der Tiefe nach der höheren
Stelle vor, so dass er mit dem Vorderleibe bereits auf ihr angelangt ist, als er
jetzt einen starken gähnenden Laut ausstöss.)
SIEGFRIED (39:20) (sieht sich um und heftet
den Blick verwundert auf Fafner)
Haha! Da hätte mein Lied
mir was Liebes erblasen!
Du wärst
mir ein saubrer Gesell!
FAFNER (hat beim Anblick Siegfried auf der Höhe angehalten und
verweilt nun daselbst)
Was ist da?
SIEGFRIED
Ei, bist du ein Tier,
das zum Sprechen taugt,
wohl liess' sich von
dir was lernen?
Hier kennt einer
das Fürchten nicht:
kann
er's von dir erfahren?
FAFNER
Hast du Übermut?
SIEGFRIED
Mut oder Übermut
was weiss ich!
Doch dir fahr' ich zu Leibe,
lehrst du das Fürchten mich nicht!
FAFNER (stösst einen lachenden Laut aus)
Trinken wollt' ich:
nun treff' ich auch Frass!
(Er öffnet seinen Rachen und zeigt die Zähne)
SIEGFRIED
Eine zierliche Fresse
zeigst du mir da,
lachende Zähne
im Leckermaul!
Gut wär' es, den Schlund dir zu schliessen;
dein
Rachen reckt sich zu weit!
FAFNER
Zu tauben Reden
taugt er schlecht:
dich zu verschlingen,
frommt der Schlund.
(Er droht mit dem Schweile)
SIEGFRIED
Hoho! Du grausam
grimmiger Kerl!
Von dir verdaut sein,
dünkt
mich übel:
rätlich und fromm doch scheint's,
du verrecktest
hier ohne Frist.
FAFNER (brüllend)
Pruh! Komm,
prahlendes Kind!
SIEGFRIED
Hab' acht, Brüller!
Der Prahler kommt!
(Fort zieht sein Schwert, springt Fafner an und bleibt herausfordernd
stehen. Fafner wälzt sich weiter auf die Höhe herauf und sprüht
aus den Nüstern auf Siegfried. Dieser weicht dem Geifer aus, springt näher
zu und stellt sich zur Seite. Fafner sucht ihn mit dem Schweile zu erreichen.
Siegfried, welchen Fafner fast erreicht hat, springt mit einem Satze aber diesen
hinweg und verwundet ihn an dem Schweife. Fafner brüllt, zieht den Schweil
heftig zurück und bäumt den Vorderleib, um mit dessen voller Wucht
sich auf Siegfried zu werfen; so bietet er diesem die Brust dar; Siegfried erspäht
schnell die Stelle des Herzens und stösst sein Schwert bis an das Heft
hinein. Fafner bäumt sich vor Schmerz noch höher und sinkt, als
Siegfried das Schwert losgelassen und zur Seite gesprungen ist, auf die Wunde
zusammen)
SIEGFRIED
Da lieg', neidischer Kerl!
Notung trägst du im Herzen.
FAFNER (mit schwächerer Stimme)
Wer bist du, kühner Knabe,
der das Herz mir traf?
Wer reizte
des Kindes Mut
zu der mordlichen Tat?
Dein Hirn brütete nicht,
was du vollbracht.
SIEGFRIED
Víel weiss ich noch nicht,
noch nicht auch, wer ich bin:
mit dir mordlich zu ringen,
reiztest du selbst meinen
FAFNER
Du helläugiger Knabe,
unkünd deiner selbst:
wen du
gemordet
meld' ich dir.
Die Riesen ragend Geschlecht,
Fasolt und
Fafner,
die Brüder - fielen nun beide.
Um verfluchtes Gold,
von Göttern vergabt,
traf ich Fasolt zu Tod:
der nun als Wurm
den Hort bewachte,
Fafner, den letzten Riesen,
fällte ein
rosiger Held.
Blicke nun hell,
blühender Knabc:
der dich
Blinden reizte zur Tat,
berät jetzt des Blühenden Tod!
(ersterbend)
Merk', wie's endet! -
Acht' auf mich!
SIEGFRIED
Woher ich stamme,
rate mir noch;
weise ja scheinst du,
Wilder, im Sterben:
rat' es nach meinem Namen:
Siegfried bin ich
genannt.
FAFNER
Siegfried...
(Er seufzt, hebt sich und stirbt)
SIEGFRIED
Zur Kunde taugt kein Toter.
So leite mich denn
mein lebendes
Schwert!
(Fafner hat sich im Sterben zur Seite gewälzt. Siegfried zieht ihm
jetzt das Schwert aus der Brust: dabei wird seine Hand vom Blute benetzt: er fährt
heftig mit der Hand auf)
Wie Feuer brennt das Blut!
(Er führt unwillkürlich die Finger zum Munde, um das Blut von
ihnen abzusaugen. Wie er sinnend vor sich hinblickt, wird seine Aufmerksamkeit
immer mehr von dem Gesange der Waldvögel angezogen)
Ist mir doch fast,
als sprächen die Vöglein zu mir!
Nützte
mir das
des Blutes Genuss?
Das seltne Vöglein hier,
horch!
was singt es nür?
STIMME EINES WALDVOGELS
(aus den Zweigen der Linde über Siegfried)
Hei! Siegfried gehört
nun der Niblungen Hort!
O, fänd'
in der Höhle
den Hort er jetzt!
Wollt' er den Tarnhelm gewinnen,
der taugt' ihm zu wonniger Tat:
doch möcht' er den Ring sich erraten,
der macht' ihn zum Walter der Welt!
SIEGFRIED (hat mit verhaltenem Atem und verzüchter Miene
gelauscht)
Dank, liebes Vöglein,
für deinen Rat!
Gern folg' ich dem
Ruf!
(Er wendet sich nach hinten und steigt in die Höhle hinab, wo er
alsbald ganzlich verschwindet)
DRITTE SZENE (48:00)
(Mime schleicht heran, scheu umherblickend, um sich von Fafners Tod zu überzeugen.
Gleichzeitig kommt von der anderen Seite Alberich aus dem Geklüft; er
beobachtet Mime genau. Als dieser Siegfried nicht mehr gewahrt und vorsichtig
sich nach hinten der Höhle zuwendet, stürzt Alberich auf ihn zu und
vertritt ihm den Weg)
ALBERICH
Wohin schleichst du
eilig und schlau,
schlimmer Gesell?
MIME
Verfluchter Bruder,
dich braucht' ich hier!
Was bringt dich her?
ALBERICH
Geizt es dich, Schelm,
nach meinem Gold?
Verlangst du mein Gut?
MIME
Fort von der Stelle!
Die Stätte ist mein:
was stöberst
du hier?
ALBERICH
Stör' ich dich wohl
im stillen Geschäft,
wenn du hier
stiehlst?
MIME
Was ich erschwang
mit schwerer Müh',
soll mir nicht
schwinden.
ALBERICH
Hast du dem Rhein
das Gold zum Ringe geraubt?
Erzeugtest du gar
den zähen Zauber im Reif?
MIME
Wer schuf den Tarnhelm,
der die Gestalten tauscht?
Der sein
bedurfte,
erdachtest du ihn wohl?
ALBERICH
Was hättest du Stümper
je wohl zu stampfen verstanden?
Der Zauberring
zwang mir den Zwerg erst zur Kunst.
MIME
Wo hast du den Ring?
Dir Zagem entrissen ihn Riesen!
Was du
verlorst,
meine List erlangt es für mich.
ALBERICH
Mit des Knaben Tat
will der Knicker nun knausern?
Dir gehört
sie gar nicht,
der Helle ist selbst ihr Herr!
MIME
Ich zog ihn auf;
für die Zucht zahlt er mir nun:
für Müh'
und Last
erlauert' ich lang meinen Lohn!
ALBERICH
Für des Knaben Zucht
will der knickrige
schäbige Knecht
keck und kühn
wohl gar König nun sein?
Dem räudigsten
Hund
wäre der Ring
geratner als dir:
nimmer erringst
du
Rüpel den Herrscherreif!
MIME (kratzt sich den Kopf)
Behalt' ihn denn:
hüt' ihn wohl,
den hellen Reif!
Sei du
Herr:
doch mich heisse auch Bruder!
Um meines Tarnhelms
lustigen
Tand
tausch' ich ihn dir:
uns beiden taugt's,
teilen die Beute
wir so.
ALBERICH (mit Hohnlachen)
Teilen mit dir?
Und den Tarnhelm gar?
Wie schlau du bist!
Sicher schlief' ich
niemals vor deinen Schlingen!
MIME (aussen sich)
Selbst nicht tauschen?
Auch nicht teilen?
Leer soll ich gehn?
Ganz ohne Lohn?
(kreischend)
Gar nichts willst du mir lassen?
ALBERICH
Nichts von allem!
Nicht einen Nagel
sollst du dir nehmen!
MIME (in höchster Wut)
Weder Ring noch Tarnhelm
soll dir denn taugen,
nicht teil' ich nun
mehr!
Gegen dich doch ruf' ich
Siegfried zu Rat
und des Recken
Schwert;
der rasche Held,
der richte, Brüderchen, dich!
(Siegfried erscheint im Hintergrund)
ALBERICH
Kehre dich um!
Aus der Höhle kommt er
daher!
MIME (sich umblickend)
Kindischen Tand
erkor er gewiss.
ALBERICH
Den Tarnhelm hält er!
MIME
Doch auch den Ring!
ALBERICH
Verflucht! - den Ring!
MIME (hämisch lachend)
Lass ihn den Ring dir doch geben!
ich will ihn mir schon gewinnen.
(Er schlüpft mit den letzten Worten in den Wald zurück)
ALBERICH
Und doch seinem Herrn
soll er allein noch gehören!
(Siegfried ist mit Tarnhelm und Ring während des letzten langsam und
sinnend aus der Höhle vorgeschritten: er betrachtet gedankenvoll seine
Beute und hält, nahe dem Baume, auf der Höhe des Mittelgründes
wieder an)
SIEGFRIED
Was ihr mir nützt,
weiss ich nicht;
doch nahm ich euch
aus des Horts gehäuftem Gold,
weil guter Rat mir es riet.
So taug
' eure Zier
als des Tages Zeuge,
es mahne der Tand,
dass ich kämpfend
Fafner erlegt,
doch das Frürchten noch nicht gelernt!
(Er steckt den Tarnhelm sich in don Gürtel und den Reil an den Finger.
Stillschweigen. Wachsendes Waldweben. Siegfried achtet unwillkürlich wieder
des Vogels und lauscht ihm mit verhaltenem Atem)
STIMME DES WALDVOGELS
Hei Siegfried gehört
nun der Helm und der Ring!
Oh! traute
er Mime,
dem treulosen, nicht!
Hörte Siegfried nur scharf
auf des Schelmen Heuchlergered'!
Wie sein Herz es meint,
kann er Mime
verstehil:
so nützt' ihm des Blutes Genuss.
(Siegfried Miene und Gebärde drücken aus, dass er den Sinn des
Vogelgesanges wohl vernommen. Er sieht Mime sich nähern und bleibt, ohne
sich zu rühren, auf sein Schwert gestützt, beobachtend und in sich
geschlossen, in seiner Stellung auf der Anhöhe bis zum Schlusse des
folgenden Auftrittes)
MIME (schleicht heran ud beobachtet vom Vordergrunde aus
Siegfried)
Er sinnt und erwägt
der Beute Wert:
weilte wohl hier
ein
weiser Wand'rer,
schweifte umher,
beschwatzte das Kind
mit
list'ger Runen Rat?
Zwiefach schlau
sei nun der Zwerg;
die
listigste Schlinge;
leg' ich jetzt aus,
dass ich rnit traulichem
Truggerede
betöre das trotzige Kind.
(er tritt näher an Siegfried heran und bewillkommt bei diesen mit
schmeichelnden Gebärden)
Willkommen, Siegfried!
Sag', du Kühner,
hast du das Fürchten
gelernt?
SIEGFRIED
Den Lehrer fand ich noch nicht!
MIME
Doch den Schlangenwurm,
du hast ihn erschlagen?
Das war doch ein
schlimmer Gesell?
SIEGFRIED
So grimm und tückisch er wär,
scin Tod grämt mich doch
schier,
da viel üblere Schächer
unerschlagen noch leben!
Der mich ihn morden hiess,
den hass' ich mehr als den Wurm!
MIME (sehr freundlich)
Nur sachte! Nicht lange
siehst du mich mehr:
zum ew'gen Schlaf
schliess' ich dir die Augen bald!
Wozu ich dich brauchte,
(zärtlich)
hast du vollbracht;
jetzt will ich nur noch
die Beute dir
abgewinnen:
mich dünkt, das soll mir gelingen;
zu betören
bist du ja leicht!
SIEGFRIED
So sinnst du auf meinen Schade?
MIME (verwundert)
Wie sagt' ich denn das? -
Siegfried! Hör, dich, mein Söhnchen!
Dich und deine Art
hasst' ich immer von Herzen;
(zärtlich)
aus Liebe erzog ich
dich Lästigen nicht:
dem Horte in Fafners
Hut,
dem Golde galt meine Müh'.
(als verspräche er ihm hübsche Sachen)
Gibst du mir das
gutwillig nun nicht,
(als wäre er bereit, sein Leben für ihn zu lassen)
Siegfried, mein Sohn,
das siehst du wohl selbst,
(mit freundlichen Scherze)
dein Leben musst du mir lassen!
SIEGFRIED
Dass du mich hassest,
hör'ich gern:
doch auch mein Leben muss
ich dir lassen?
MIME (ärgerlich)
Das sagt' ich doch nicht?
Du verstehst mich ja falsch! -
(Er sucht sein Flaschchen hervor. Er gibt sich die ersichtlichste Mühe
zur Verstellung)
Sieh', du bist müde
von harter Müh';
brünstig wohl
brennt dir der Leib:
dich zu erquicken
mit queckem Trank
säumt'
ich Sorgender nicht.
Als dein Schwert du dir branntest,
braut' ich den
Sud;
trinkst du nun den,
gewinn' ich dein trautes Schwert,
und
mit ihm ihm Helm und Hort.
(er kichert dazu)
SIEGFRIED
So willst du mein Schwert
und was ich erschwungen,
Ring und Beute
mir rauben?
MIME (heftig)
Was du doch falsch mich versteht!
Stamml' ich, fasl' ich wohl gar?
Die grösste Mühe
geb' ich mir doch,
mein heimliches Sinnen
heuchelnd zu bergen,
und du dummer Bube
deutest alles doch falsch!
Öffne die Ohren,
und Vernimm genau:
Höre, was Mime meint -
(wieder sehr freundlich, mit ersichtlicher Mühe)
Hier nimm und trinke die Labung!
Mein Trank labte dich oft:
tatst
du wohl unwirsch,
Stelltest dich arg:
was ich dir bot -
erbost
auch - nahmst du's doch immer.
SIEGFRIED (ohne eine Miene zu verziehen)
Einen guten trank
hätt' ich gern:
wie hast dü diesen
gebraut?
MIME (lustig scherzend, als schildere er ihm einen angenehm
berauschtend Zustand, den ihm der Saft bereiten soll)
Hei! So trink nur,
trau' meiner Kunst!
In Nacht und Nebel
sinken die Sinne dir bald:
ohne Wach' und Wissen
stracks streckst du
die Glieder.
Liegst du nun da,
leicht könnt' ich
die Beute
nehmen und bergen:
doch erwachtest du je,
nirgends wär' ich
sicher vor dir,
hält' ich selbst auch den Ring.
Drum mit dem
Schwert,
das so scharf du schufst,
(mit einer Gebärde ausgelassener Lustigkeit)
hau' ich dem Kind
den Kopf erst ab:
dann hb' ich mir Ruh' und auch
den Ring!
(Er kichert wieder)
SIEGFRIED
Im Schlafe willst du mich morden?
MIME (wutend ärgerlich)
Was möcht' ich?
Sagt' ich denn das?
(Er bemüht sich, den zärtlichsten Ton anzunehmen)
Ich will dem Kind
(mit sorglichster Deutlichkeit)
nur den Kopf abhau'n!
(mit dem Ausdruck herzlicher Besorgtheit für Siegfried Gesundheit)
Denn hasste ich dich
auch nicht so hell,
und hätt' ich des
Schimpfs
und der schändlichen Mühe
auch nicht so viel zu rächen:
(sanft)
aus dem Wege dich zu räumen,
darf ich doch nicht rasten:
wie
käm' ich sonst anders zur Beute,
da Alberich auch nach ihr lugt?
(Er giesst den Saft in das Trinkhorn und führt dieses Siegfried mit
aufdringlicher Gebärde zu)
Nun, mein Wälsung!
Wolfssohn du!
Sauf', und würg' dich
zu Tod:
Nie tust du mehr 'nen Schluck!
(Siegfried holt mit dem Schwert aus. Er führt, wie in einer Anwandlung
heftigen Ekels einen jähen Streich nach Mime; dieser stürzt sogleich
tot zu Boden. Man hört Alberichs höhnisches Gelächter aus dem
Geklüfte)
SIEGFRIED
Schmeck' du mein Schwert,
ekliger Schwätzer!
(Er henkt, aut den am Boden Liegenden blickend, ruhig sein Schwert wieder
ein)
Neides Zoll
zahlt Notung:
dazu durft' ich ihn schmieden.
(Er rafft Mimes Leichnam auf, trägt ihn auf die Anhöhe vor den
Eingang der Höhle und wirft ihn dort hinein)
In der Höhle hier
lieg' auf dem Hort!
Mit zäher List
erzieltest du ihn:
jetzt magst du des wonnigen walten! -
Einen guten Wächter
geb' ich dir auch,
dass er vor Dieben dich deckt.
(Er wälzt mit grosser Anstrengung den Leichnam des Wurmes vor den
Eingang der Höhle, so dass er diesen ganz damit verstopft)
Da lieg' auch du,
dunkler Wurm!
Den gleissenden Hort
hüte
zugleich
mit dem beuterührigen Feind:
so fandet beide ihr nun
Ruh'!
(Er blickt eine Weile sinnend in die Höhle hinab und went sich dann
langsam, wie ermüdet, in den Vordergrund. Es ist Mittag. Er führt sich
die Hand über die Stirn)
Heiss ward mir
von der harten Last!
Brausend jagt
mein brünst'ges
Blut;
die Hand brennt mir am Haupt.
Hoch steht schon die Sonne:
aus liehtem Blau
blickt ihr Aug'
auf den Scheitel steil mir herab.
Linde Kühlung
erkies' ich unter der Linde!
(Er streckt sich unter der Linde aus und blickt wieder die Zweige hinauf)
Noch einmal, liebes Vöglein,
da wir so lang
lästig gestört,
-
lauscht' ich gerne deinem Sange:
auf dem Zweige seh' ich
wohlig
dich wiegen;
zwitschernd umschwirren
dich Brüder und Schwestern,
umschewebe dich lustig und lieb!
Doch ich - bin so allein,
hab' ich Brüder
noch Schwestern:
meine Mutter schwand,
mein Vater fiel:
nie sah
sie der Sohn!
Mein einz'ger Gesell
war ein garstiger Zwerg;
Güte
zwang
uns nie zu Liebe;
listige Schlingen
warf mir der Schlaue;
nun musst' ich ihn gar erschlagen!
(Er blickt schmerzlich bewegt wieder nach den Zweigen auf)
Freundliches Vöglein,
dich frage ich nun:
gönntest du
mir
wohl ein gut Gesell?
willst du mir das Rechte raten?
Ich
lockte so oft,
und erlost' es mir nie!
Du, mein Trauter,
träfst
es wohl besser,
so recht ja rietest du schon.
Nun sing'! Ich laüsche
dem Gesang.
STIMME DES WALDVOGELS
Hei! Siegfried erschlug
nun den
schlimmen Zwerg!
Jetzt wüsst' ich ihm noch
das herrlichste Weib:
auf hohem Felsen sie schläft,
Feuer umbrennt ihren Saal:
durchschritt' er die Brunst,
weckt' er die Braut,
Brünnhilde wäre
dann sein!
SIEGFRIED (fährt mit jäher Heftigkeig vom Sitze auf)
O holder Sang!
Süssester Hauch!
Wie brennt sein Sinn
mir
sehrend die Brust!
Wie zückt er heftig
zündend mein Herz!
Was jagt mir so jach
durch Herz und Sinne
Sag' es mir, süsser
Freund!
(er lauscht)
STIMME DES WALDSVOGELS
Lustig im Leid
Sing' ich von Liebe;
wonnig aus Weh,
web' ich
mein Lied:
nur Sehnende kennen den Sinn!
SIEGFRIED
Fort jagt mich,
jauchzend von hinnen,
fort aus dem Wald auf den
Fels!
Noch einmal, sage mir,
holder Sänger:
werd' ich das
Feuer durchbrechen?
Kann ich erwecken die Braut?
(Siegfried lauscht noch mal)
STIMME DES WALDVOGELS
Die Braut gewinnt,
Brünnhilde erweckt
ein Feiger nie:
nur wer das Fürchten nicht kennt!
SIEGFRIED (facht auf vor Entzücken)
Der dumme Knab',
der das Fürchten nicht kennt,
mein Vöglein,
der bin ja ich!
Noch heute gab ich
vergebens mir Müh,
das Fürchten
von Fafner zu lernen,
nun brenn' ich vor Lust,
es von Brünnhilde
zu wissen!
Wie find' ich zum Felsen den Weg?
(Der Vogel flattert auf, kreist über Siegfried und fliegt ihm zögernd
voran)
SIEGFRIED (jauchzend)
So wird mir der Weg gewiesen:
wohin du flatterst
folg' ich dem
Flug!
(Er läuft dem Vogel, welcher ihn neckend einige Zeitlang unstet nach
verschiedene Richtungen hinleitet, nach und folgt ihm endlich, als dieser mit
einer bestimmten Wendung nach dem Hintergrunde davonfliegt)