| Scene 1 | Siegmund: Wes Herd dies auch | 03:24 |
| Scene 2 | Sieglinde: Müd am Herd fand ich den Mann: | 13:30 |
| Scene 3 Der Männer Sippe Winterstürme |
Siegmund: Ein Schwert verhiess mir der Vater Sieglinde: Der Männer Sippe Siegmund: Winterstürme wichen dem Wonnemond |
31:05 37:00 42:00 |
Siegmund, Sieglinde
Das Innere eines Wohnraumes
Um einen starken Eschenstamm als
Mittelpunkt gezimmerter Saal. Rechts im Hintergrunde der Herd; dahinter der
Speicher; im Hintergrund die grosse Eingangstüre; links in der Tiefe führen
Stufen zu einem inneren Gemache; daselbst im Vordergrunde ein Tisch, mit einer
breiten, an der Wand angezimmerten Bank dahinter und hölzernen Schemeln
davor.
(Die Bühne bleibt eine Zeitlang leer; aussen Sturm, im Begriffe sich gänzlich zu legen. - Siegmund öffnet von aussen die grosse Eingangstüre und tritt ein. Er hält den Riegel noch in der Hand und überblickt den Wohnraum; er scheint von übermässiger Anstrengung erschöpft; sein Gewand und sein Aussehen zeigen, dass er sich auf der Flucht befindet. Da er niemand gewahrt, schliesst er die Tür hinter sich, schreitet mit der äussersten Anstrengung eines Todmüden auf den Herd zu und wirft sich dort auf eine Decke von Bärenfell nieder).
SIEGMUND (03:24)
Wes Herd dies auch sei, hier muss ich rasten.
(Er sinkt zurück und bleibt einige Zeit regungslos ausgestreckt. Sieglinde tritt aus der Tür des inneren Gemaches; sie glaubte ihren Mann heimgekehrt: ihre erste Miene zeigt sich dann verwundert, als sie einen Fremden am Herde ausgestreckt sieht).
SIEGLINDE
(noch im Hintergrunde)
Ein fremder Mann? Ihn muss ich fragen.
(Sie tritt ruhig einige Schritte näher)
Wer kam ins Haus und liegt dort am Herd?
(Da Siegmund sich nicht regt, tritt sie noch etwas näher und betrachtet ihn)
Müde liegt er, von Weges Müh'n.
Schwanden die Sinne ihm? Wäre
er siech?
(Sie neigt sich zu ihm herab und lauscht)
Noch schwillt ihm den Atem; das Auge nur schloss er. -
Mutig dünkt
mich der Mann, sank er müd' auch hin.
SIEGMUND
(fährt jäh mit dem Haupt in die Höhe)
Ein Quell! Ein Quell!
SIEGLINDE
Erquickung schaff' ich.
(Sie nimmt schnell ein Trinkhorn und geht damit aus dem Haus. Sie kommt zurück und reicht das gefüllte Trinkhorn Siegmund)
Labung biet' ich dem lechzenden Gaumen:
Wasser, wie du gewollt.
(Siegmund trinkt und reicht ihr das Horn zurück. Als er ihr mit dem Haupte Dank zuwinkt, haftet sein Blick mit steigender Teilnahme an ihren Mienen.)
SIEGMUND
Kühlende Labung gab mir der Quell,
des Müden Last machte er
leicht:
erfrischt ist der Mut,
das Aug' erfreut des Sehens selige
Lust.
Wer ist's, der so mir es labt?
SIEGLINDE
Dies Haus und dies Weib sind Hundings Eigen;
gastlich gönn' er dir
Rast: harre, bis heim er kehrt!
SIEGMUND
Waffenlos bin ich:
dem wunden Gast wird dein Gatte nicht wehren.
SIEGLINDE
(mit besorgter Hast)
Die Wunden weise mir schnell!
SIEGMUND
(Schüttelt sich und springt lebhaft vom Lager zum Sitz auf)
Gering sind sie, der Rede nicht wert;
noch fügen des Leibes
Glieder sich fest.
Hätten halb so stark wie mein Arm
Schild und
Speer mir gehalten,
nimmer floh ich dem Feind,
doch zerschellten mir
Speer und Schild.
Der Feinde Meute hetzte mich müd',
Gewitterbrunst brach meinen Leib;
doch schneller, als ich der Meute,
schwand die Müdigkeit mir:
sank auf die Lider mir Nacht;
die
Sonne lacht mir nun neu.
SIEGLINDE
(geht nach dem Speicher, füllt ein Horn mit Met und reicht es Siegmund mit freundlicher Bewegtheit)
Des seimigen Metes süssen Trank
mög'st du mir nicht verschmähn.
SIEGMUND
Schmecktest du mir ihn zu?
(Sieglinde nippt am Horn und reicht es ihm wieder. Siegmund tut einen langen Zug, indem er den Blick mit wachsender Wärme auf sie heftet. Er setzt so das Horn ab und lässt es langsam sinken, während der Ausdruck seiner Miene in starke Ergriffenheit übergeht. Er seufzt tief auf und senkt den Blick düster zu Boden.)
SIEGMUND
(mit bebender Stimme)
Einen Unseligen labtest du:
Unheil wende der Wunsch von dir!
(Er bricht schnell auf, um fortzugehen)
Gerastet hab' ich und süss geruht.
Weiter wend' ich den Schritt.
(er geht nach hinten)
SIEGLINDE
Wer verfolgt dich, dass du schon fliehst?
SIEGMUND
(von ihrem Rufe gefesselt, wendet sich wieder; langsam und düster)
Misswende folgt mir, wohin ich fliehe;
Misswende naht mir, wo ich mich
neige. -
Dir, Frau, doch bleibe sie fern!
Fort wend' ich Fuss und
Blick.
(Er schreitet schnell bis zur Tür und hebt den Riegel)
SIEGLINDE
(in heftigem Selbstvergessen ihm nachrufend)
So bleibe hier!
Nicht bringst du Unheil dahin,
wo Unheil im Hause
wohnt!
SIEGMUND
(bleibt tief erschüttert stehen; er forscht in Sieglindes Mienen; diese schlägt verschämt und traurig die Augen nieder. Langes Schweigen. Siegmund kehrt zurück.)
Wehwalt hiess ich mich selbst:
Hunding will ich erwarten.
(Er lehnt sich an den Herd; sein Blick haftet mit ruhiger und entschlossener Teilnahme an Sieglinde; diese hebt langsam das Auge wieder zu ihm auf. Beide blicken sich in langem Schweigen mit dem Ausdruck tiefster Ergriffenheit in die Augen).
Die Vorigen, Hunding
(Sieglinde fährt plötzlich auf, lauscht und hört Hunding, der sein Ross aussen zum Stall führt. Sie geht hastig zur Tür und öffnet; Hunding, gewaffnet sein Schild und Speer, tritt ein und hält unter der Tür, als er Siegmund gewahrt. Hunding wendet sich mit einem ernst fragenden Blick an Sieglinde)
SIEGLINDE
(dem Blicke Hundings entgehend)
Müd am Herd fand ich den Mann:
Not führt' ihn ins Haus.
HUNDING
Du labtest ihn?
SIEGLINDE
Den Gaumen letzt' ich ihm, gastlich sorgt' ich sein!
SIEGMUND
(der ruhig und fest Hunding beobachtet)
Dach und Trank dank' ich ihr:
willst du dein Weib drum schelten?
HUNDING
Heilig ist mein Herd: -
heilig sei dir mein Haus!
(er legt seine Waffen ab und übergibt sie Sieglinde)
Rüst' uns Männern das Mahl!
(Sieglinde hängt die Waffen an Ästen des Eschenstammes auf, dann holt sie Speise und Trank aus dem Speicher und rüstet auf dem Tische das Nachtmahl. Unwillkürlich heftet sie wieder den Blick auf Siegmund)
(Hunding misst scharf und verwundert Siegmunds Züge, die er mit denen seiner Frau vergleicht; für sich:)
Wie gleicht er dem Weibe!
Der gleissende Wurm glänzt auch ihm aus
dem Auge.
(er birgt sein Befremden und wendet sich wie unbefangen zu Siegmund)
Weit her, traun, kamst du des Wegs;
ein Ross nicht ritt, der Rast hier
fand:
welch schlimme Pfade schufen dir Pein?
SIEGMUND
Durch Wald und Wiese, Heide und Hain,
jagte mich Sturm und starke Not:
nicht kenn' ich den Weg, den ich kam.
Wohin ich irrte, weiss ich noch
minder:
Kunde gewänn' ich des gern.
HUNDING
(am Tisch, und Siegmund den Sitz bietend)
Des Dach dich deckt, des Haus dich hegt,
Hunding heisst der Wirt;
wendest von hier du nach West den Schritt,
in Höfen reich hausen dort
Sippen,
die Hundings Ehre behüten.
Gönnt mir Ehre mein Gast,
wird sein Name nun mir gennant.
(Siegmund, der sich am Tisch niedergesetzt, blickt nachdenklich vor sich hin. Sieglinde, die sich neben Hunding, Siegmund gegenüber, gesetzt, heftet ihr Auge mit auffallender Teilnahme und Spannung auf diesen.)
HUNDING
(der beide beobachtet)
Trägst du Sorge, mir zu vertraun,
der Frau hier gib doch Kunde:
sieh, wie gierig sie dich frägt!
SIEGLINDE
(unbefangen und teilnahmsvoll)
Gast, wer du bist, wüsst' ich gern.
SIEGMUND
(blickt auf, sieht ihr in das Auge und beginnt ernst)
Friedmund darf ich nicht heissen;
Frohwalt möcht' ich wohl sein:
doch Wehwalt musst ich mich nennen.
Wolfe, der war mein Vater;
zu zwei
kam ich zur Welt,
eine Zwillingsschwester und ich.
Früh schwanden
mir Mutter und Maid.
Die mich gebar und die mit mir sie barg,
kaum
hab' ich je sie gekannt.
Wehrlich und stark war Wolfe;
der Feinde
wuchsen ihm viel.
Zum Jagen zog mit dem Jungen der Alte:
Von Hetze und
Harst einst kehrten wir heim:
da lag das Wolfsnest leer.
Zu Schutt
gebrannt der prangende Saal,
zum Stumpf der Eiche blühender Stamm;
erschlagen der Mutter mutiger Leib,
verschwunden in Gluten der Schwester
Spur:
uns schuf die herbe Not
der Neidinge harte Schar.
Geächtet
floh der Alte mit mir;
lange Jahre lebte der Junge
mit Wolfe im wilden
Wald:
manche Jagd ward auf sie gemacht;
doch mutig wehrte das
Wolfspaar sich.
(zu Hunding gewandt)
Ein Wölfing kündet dir das,
den als "Wölfing"
mancher wohl kennt.
HUNDING
Wunder und wilde Märe kündest du, kühner Gast,
Wehwalt
- der Wölfing!
Mich dünkt, von dem wehrlichen Paar
vernahm
ich dunkle Sage,
kannt' ich auch Wolfe und Wölfing nicht.
SIEGLINDE
Doch weiter künde, Fremder:
wo weilt dein Vater jetzt?
SIEGMUND
Ein starkes Jagen auf uns stellten die Neidinge an:
der Jäger
viele fielen den Wölfen,
in Flucht durch den Wald
trieb sie das
Wild.
Wie Spreu zerstob uns der Feind.
Doch ward ich vom Vater
versprengt;
seine Spur verlor ich, je länger ich forschte:
eines
Wolfes Fell nur
traf ich im Forst;
leer lag das vor mir, den Vater
fand ich nicht.
Aus dem Wald trieb es mich fort;
mich drängt' es
zu Männern und Frauen.
Wieviel ich traf, wo ich sie fand,
ob ich
um Freund', um Frauen warb,
immer doch war ich geächtet:
Unheil
lag auf mir.
Was Rechtes je ich riet, andern dünkte es arg,
was
schlimm immer mir schien,
andre gaben ihm Gunst.
In Fehde fiel ich, wo
ich mich fand,
Zorn traf mich, wohin ich zog;
gehrt' ich nach Wonne,
weckt' ich nur Weh':
drum musst' ich mich Wehwalt nennen;
des Wehes
waltet' ich nur.
(Er sieht zu Sieglinde auf und gewahrt ihren teilnehmenden Blick).
HUNDING
Die so leidig Los dir beschied,
nicht liebte dich die Norn':
froh
nicht grüsst dich der Mann,
dem fremd als Gast du nahst.
SIEGLINDE
Feige nur fürchten den, der waffenlos einsam fährt! -
Künde
noch, Gast,
wie du im Kampf zuletzt die Waffe verlorst!
SIEGMUND
(immer lebhafter)
Ein trauriges Kind rief mich zum Trutz:
vermählen wollte der Magen
Sippe
dem Mann ohne Minne die Maid.
Wider den Zwang zog ich zum
Schutz,
der Dränger Tross traf ich im Kampf:
dem Sieger sank der
Feind.
Erschlagen lagen die Brüder:
die Leichen umschlang da die
Maid,
den Grimm verjagt' ihr der Gram.
Mit wilder Tränen Flut
betroff sie weinend die Wal:
um des Mordes der eignen Brüder
klagte die unsel'ge Braut.
Der Erschlagnen Sippen stürmten daher;
übermächtig ächzten nach Rache sie;
rings um die Stätte
ragten mir Feinde.
Doch von der Wal wich nicht die Maid;
mit Schild
und Speer schirmt' ich sie lang',
bis Speer und Schild im Harst mir
zerhaun.
Wund und waffenlos stand ich -
sterben sah ich die Maid:
mich hetzte das wütende Heer -
auf den Leichen lag sie tot.
(mit einem Blicke voll schmerzlichen Feuers auf Sieglinde)
Nun weisst du, fragende Frau,
warum ich Friedmund nicht heisse!
(Er steht auf und schreitet auf den Herd zu. Sieglinde blickt erbleicht und tief erschüttert zu Boden)
HUNDING
(erhebt sich, sehr finster)
Ich weiss ein wildes Geschlecht,
nicht heilig ist ihm, was andern hehr:
verhasst ist es allen und mir.
Zur Rache ward ich gerufen,
Sühne
zu nehmen für Sippenblut:
zu spät kam ich, und kehrte nun heim,
des flücht'gen Frevlers Spur im eignen Haus zu erspähn. -
Mein
Haus hütet, Wölfing, dich heut';
für die Nacht nahm ich dich
auf;
mit starker Waffe doch wehre dich morgen;
zum Kampfe kies' ich
den Tag:
für Tote zahlst du mir Zoll.
(Sieglinde schreitet mit besorgter Gebärde zwischen die beiden Männer vor)
HUNDING
(barsch)
Fort aus dem Saal! Säume hier nicht!
Den Nachttrunk rüste mir
drin und harre mein' zur Ruh'.
(Sieglinde steht eine Weile unentschieden und sinnend. Sie wendet sich
langsam und zögernden Schrittes nach dem Speicher. Dort hält sie
wieder an und bleibt, in Sinnen verloren, mit halb abgewandtem Gesicht stehen.
Mit ruhigem Entschluss öffnet sie den Schrein, füllt ein Trinkhorn und
schüttet aus einer Büchse Würze hinein. Dann wendet sich das Auge
auf Siegmund, um seinem Blicke zu begegnen, den dieser fortwährend auf sie
heftet. Sie gewahrt Hundings Spähen und wendet sich sogleich zum
Schlafgemach. Auf den Stufen kehrt sie sich noch einmal um, heftet das Auge
sehnsuchtsvoll auf Siegmund und deutet mit dem Blicke andauernd und mit
sprechender Bestimmtheit auf eine Stelle am Eschenstamme. Hunding fährt auf
und treibt sie mit einer heftigen Gebärde zum Fortgehen an. Mit einem
letzten Blick auf Siegmund geht sie in das Schlafgemach und schliesst hinter
sich die Türe.)
HUNDING
(nimmt seine Waffen vom Stamme herab).
Mit Waffen wehrt sich der Mann.
(Im Abgehen sich zu Siegmund wendend)
Dich Wölfing treffe ich morgen;
mein Wort hörtest du, hüte
dich wohl!
(Er geht mit den Waffen in das Gemach; man hört ihn von innen den Riegel schliessen)
Siegmund, Sieglinde
SIEGMUND
(Allein. Es ist vollständig Nacht geworden; der Saal ist nur noch von einem schwachen Feuer im Herde erhellt. Siegmund lässt sich, nah beim Feuer, auf dem Lager nieder und brütet in grosser innerer Aufregung eine Zeitlang schweigend vor sich hin).
Ein Schwert verhiess mir der Vater,
ich fänd' es in höchster
Not.
Waffenlos fiel ich in Feindes Haus;
seiner Rache Pfand, raste ich
hier: -
ein Weib sah ich, wonnig und hehr:
entzückend Bangen
zehrt mein Herz.
Zu der mich nun Sehnsucht zieht,
die mit süssem
Zauber mich sehrt,
im Zwange hält sie der Mann,
der mich
Wehrlosen höhnt!
Wälse! Wälse! Wo ist dein Schwert?
Das
starke Schwert,
das im Sturm ich schwänge,
bricht mir hervor aus
der Brust,
was wütend das Herz noch hegt?
(Das Feuer bricht zusammen; es fällt aus der aufsprühenden Glut plötzlich ein greller Schein auf die Stelle des Eschenstammes, welche Sieglindes Blick bezeichnet hatte und an der man jetzt deutlich einen Schwertgriff haften sieht)
Was gleisst dort hell im Glimmerschein?
Welch ein Strahl bricht aus der
Esche Stamm?
Des Blinden Auge leuchtet ein Blitz:
lustig lacht da der
Blick.
Wie der Schein so hehr das Herz mir sengt!
Ist es der Blick der
blühenden Frau,
den dort haftend sie hinter sich liess,
als aus
dem Saal sie schied?
(Von hier an verglimmt das Herdfeuer allmählich).
Nächtiges Dunkel deckte mein Aug',
ihres Blickes Strahl streifte
mich da:
Wärme gewann ich und Tag.
Selig schien mir der Sonne
Licht;
den Scheitel umgliss mir ihr wonniger Glanz -
bis hinter Bergen
sie sank.
(Ein neuer schwacher Aufschein des Feuers)
Noch einmal, da sie schied,
traf mich abends ihr Schein;
selbst
der alten Esche Stamm
erglänzte in goldner Glut:
da bleicht die
Blüte, das Licht verlischt;
nächtiges Dunkel deckt mir das Auge:
tief in des Busens Berge glimmt nur noch lichtlose Glut.
(Das Feuer ist gänzlich verloschen: volle Nacht. Das Seitengemach öffnet leise: Sieglinde, in weissem Gewande, tritt heraus und schreitet leise, doch rasch, auf den Herd zu).
SIEGLINDE
Schläfst du, Gast?
SIEGMUND
(freudig überrascht aufspringend)
Wer schleicht daher?
SIEGLINDE
(Mit geheimnisvoller Hast)
Ich bin's: höre mich an!
In tiefem Schlaf liegt Hunding;
ich
würzt' ihm betäubenden Trank:
nütze die Nacht dir zum Heil!
SIEGMUND
(hitzig unterbrechend)
Heil macht mich dein Nah'n!
SIEGLINDE (37:00)
Eine Waffe lass mich dir weisen: o wenn du sie gewännst!
Den
hehrsten Helden dürft' ich dich heissen:
dem Stärksten allein
ward sie bestimmt.
O merke wohl, was ich dir melde!
Der Männer
Sippe sass hier im Saal,
von Hunding zur Hochzeit geladen:
er freite
ein Weib,
das ungefragt Schächer ihm schenkten zur Frau.
Traurig
sass ich, während sie tranken;
ein Fremder trat da herein:
ein
Greis in blauem Gewand;
tief hing ihm der Hut,
der deckt' ihm der
Augen eines;
doch des andren Strahl, Angst schuf es allen,
traf die Männer
sein mächtiges Dräu'n.
mir allein weckte das Auge
süss
sehnenden Harm,
Tränen und Trost zugleich.
Auf mich blickt' er
und blitzte auf jene,
als ein Schwert in Händen er schwang;
das
stiess er nun in der Esche Stamm,
bis zum Heft haftet' es drin:
dem
sollte der Stahl geziemen,
der aus dem Stamm' es zög'.
Der Männer
alle, so kühn sie sich mühten,
die Wehr sich keiner gewann;
Gäste kamen und Gäste gingen,
die stärksten zogen am Stahl -
keinen Zoll entwich er dem Stamm:
dort haftet schweigend das Schwert. -
Da wusst' ich, wer der war,
der mich Gramvolle gegrüsst; ich weiss
auch,
wem allein im Stamm das Schwert er bestimmt.
O fänd' ich
ihn hier und heut', den Freund;
käm' er aus Fremden zur ärmsten
Frau.
Was je ich gelitten in grimmigem Leid,
was je mich geschmerzt in
Schande und Schmach, -
süsseste Rache sühnte dann alles!
Erjagt hätt' ich, was je ich verlor,
was je ich beweint, wär' mir
gewonnen,
fänd' ich den heiligen Freund,
umfing' den Helden mein
Arm!
SIEGMUND
(mit Glut Sieglinde umfassend)
Dich selige Frau hält nun der Freund,
dem Waffe und Weib bestimmt!
Heiss in der Brust brennt mir der Eid,
der mich dir Edlen vermählt.
Was je ich ersehnt, ersah ich in dir;
in dir fand ich, was je mir gefehlt!
Littest du Schmach,
und schmerzte mich Leid;
war ich geächtet,
und warst du entehrt:
freudige Rache lacht nun den Frohen!
Auf lach'
ich in heiliger Lust,
halt' ich dich Hehre umfangen,
fühl' ich
dein schlagendes Herz!
(Die grosse Türe springt auf)
SIEGLINDE
(fährt erschrocken zusammen und reisst sich)
Ha, wer ging? Wer kam herein?
(Die Tür bleibt weit geöffnet: aussen herrliche Frühlingsnacht; der Vollmond leuchtet herein und wirft sein helles Licht auf das Paar, das so sich plötzlich in voller Deutlichkeit wahrnehmen kann)
SIEGMUND (42:00)
(in leiser Entzückung)
Keiner ging - doch einer kam:
siehe, der Lenz lacht in den Saal!
(Siegmund zieht Sieglinde mit sanfter Gewalt zu sich auf das Lager, so dass sie neben ihm zu sitzen kommt. Wachsende Helligkeit des Mondscheines)
Winterstürme wichen
dem Wonnemond,
in mildem Lichte leuchtet
der Lenz;
auf linden Lüften leicht und lieblich,
Wunder webend er
sich wiegt;
durch Wald und Auen weht sein Atem,
weit geöffnet
lacht sein Aug': -
aus sel'ger Vöglein Sange süss er tönt,
holde Düfte haucht er aus;
seinem warmen Blut entblühen wonnige
Blumen,
Keim und Spross entspringt seiner Kraft.
Mit zarter Waffen
Zier bezwingt er die Welt;
Winter und Sturm wichen der starken Wehr:
wohl musste den tapfern Streichen
die strenge Türe auch weichen,
die trotzig und starr uns trennte von ihm. -
Zu seiner Schwester schwang er
sich her;
die Liebe lockte den Lenz:
in unsrem Busen barg sie sich
tief;
nun lacht sie selig dem Licht.
Die bräutliche Schwester
befreite der Bruder;
zertrümmert liegt, was je sie getrennt:
jauchzend grüsst sich das junge Paar:
vereint sind Liebe und Lenz!
SIEGLINDE
Du bist der Lenz, nach dem ich verlangte
in frostigen Winters Frist.
Dich grüsste mein Herz mit heiligem Grau'n,
als dein Blick zuerst mir
erblühte.
Fremdes nur sah ich von je,
freudlos war mir das Nahe.
Als hätt' ich nie es gekannt, war, was immer mir kam.
Doch dich kannt'
ich deutlich und klar:
als mein Auge dich sah,
warst du mein Eigen;
was im Busen ich barg, was ich bin,
hell wie der Tag taucht' es mir auf,
o wie tönender Schall schlug's an mein Ohr,
als in frostig öder
Fremde
zuerst ich den Freund ersah.
(Sie hängt sich entzückt an seinen Hals und blickt ihm nahe ins Gesicht)
SIEGMUND
(mit Hingerissenheit)
O süsseste Wonne!
O seligstes Weib!
SIEGLINDE
(dicht an seinen Augen)
O lass in Nähe zu dir mich neigen,
dass hell ich schaue den hehren
Schein,
der dir aus Aug' und Antlitz bricht
und so süss die Sinne
mir zwingt.
SIEGMUND
Im Lenzesmond leuchtest du hell;
hehr umwebt dich das Wellenhaar:
was mich berückt, errat' ich nun leicht,
denn wonnig weidet mein
Blick.
SIEGLINDE
(schlägt ihm die Locken von der Stirn zurück und betrachtet ihn staunend)
Wie dir die Stirn so offen steht,
der Adern Geäst in den Schläfen
sich schlingt!
Mir zagt es vor der Wonne, die mich entzückt!
Ein
Wunder will mich gemahnen:
den heut' zuerst ich erschaut,
mein Auge
sah dich schon!
SIEGMUND
Ein Minnetraum gemahnt auch mich:
in heissem Sehnen sah ich dich schon!
SIEGLINDE
Im Bach erblickt' ich mein eigen Bild -
und jetzt gewahr' ich es
wieder:
wie einst dem Teich es enttaucht,
bietest mein Bild mir nun
du!
SIEGMUND
Du bist das Bild,
das ich in mir barg.
SIEGLINDE
(den Blick schnell abwendend)
O still! Lass mich der Stimme lauschen:
mich dünkt, ihren Klang
hört' ich als Kind.
(aufgeregt)
Doch nein! Ich hörte sie neulich,
als meiner Stimme Schall
mir widerhallte der Wald.
SIEGMUND
O lieblichste Laute,
denen ich lausche!
SIEGLINDE
(ihm wieder in die Augen spähend)
Deines Auges Glut erglänzte mir schon:
so blickte der Greis grüssend
auf mich,
als der Traurigen Trost er gab.
An dem Blick erkannt' ihn
sein Kind -
schon wollt' ich beim Namen ihn nennen!
(Sie hält inne, und fährt dann leise fort)
Wehwalt heisst du fürwahr?
SIEGMUND
Nicht heiss' ich so, seit du mich liebst:
nun walt' ich der hehrsten
Wonnen!
SIEGLINDE
Und Friedmund darfst du
froh dich nicht nennen?
SIEGMUND
Nenne mich du, wie du liebst, dass ich heisse:
den Namen nehm' ich von
dir!
SIEGLINDE
Doch nanntest du Wolfe den Vater?
SIEGMUND
Ein Wolf war er feigen Füchsen!
Doch dem so stolz strahlte das
Auge,
wie, Herrliche, hehr dir es strahlt,
der war: - Wälse
genannt.
SIEGLINDE
(ausser sich)
War Wälse dein Vater, und bist du ein Wälsung,
stiess er für
dich sein Schwert in den Stamm,
so lass mich dich heissen, wie ich dich
liebe:
Siegmund - so nenn' ich dich!
SIEGMUND
(springt auf dem Stamm zu und fasst den Schwertgriff)
Siegmund heiss' ich und Siegmund bin ich!
Bezeug' es dies Schwert, das
zaglos ich halte!
Wälse verhiess mir, in höchster Not
fänd'
ich es einst: ich fass' es nun!
Heiligster Minne höchste Not,
sehnender Liebe sehrende Not
brennt mir hell in der Brust,
drängt
zu Tat und Tod:
Notung! Notung! So nenn' ich dich, Schwert -
Notung!
Notung! Neidlicher Stahl!
Zeig' deiner Schärfe schneidenden Zahn:
heraus aus der Scheide zu mir!
(Er zieht mit einem gewaltigen Ruck das Schwert aus dem Stamme und zeigt es der von Staunen und Entzücken erfassten Sieglinde)
Siegmund, den Wälsung, siehst du, Weib!
Als Brautgabe bringt er
dies Schwert:
so freit er sich
die seligste Frau;
dem Feindeshaus
entführt er dich so.
Fern von hier folge mir nun,
fort in des
Lenzes lachendes Haus:
dort schützt dich Notung, das Schwert,
wenn Siegmund dir liebend erlag!
(Er hat sie umfasst, um sie mit sich fortzuziehen).
SIEGLINDE
(reisst sich in höchster Trunkenheit von ihm los und stellt sich ihm gegenüber)
Bist du Siegmund, den ich hier sehe,
Sieglinde bin ich, die dich
ersehnt:
die eigne Schwester
gewannst du zu eins mit dem Schwert!
SIEGMUND
Braut und Schwester bist du dem Bruder -
so blühe denn, Wälsungen-Blut!
(Er zieht sie mit wütender Glut an sich; sie sinkt mit einem Schrei